Den Konfitüre - Knechten den Kampf ansagen

23. Oktober 2003, 21:11
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Hände weg von der Marmelade! - Nieder mit Gemüseobst! - Schluss mit dem EU-Sprachdiktat! - Kommentar der anderen von Christian Ide Hintze

Hände weg von der Marmelade! - Nieder mit Gemüseobst! - Schluss mit dem EU-Sprachdiktat! Angesichts der jüngst wieder bekannt gewordenen Sprachverrenkungen, die seitens der EU unternommen werden, um den Bewohnern und Bewohnerinnen dieses Landes eine Sprache zu diktieren, die sie nicht sprechen, schlage ich vor, mittelfristig "Österreichisch" als eigene Sprache einzuführen.

Art des Sprechens

Die großen "Sprachnationen" werden immer wieder Gründe finden, ihre Art des Sprechens und Schreibens auf Kosten der kleineren durchzusetzen. Aktuelles Beispiel: Wir dürfen jenes süße Etwas, das aus Erdbeeren, Himbeeren, Zwetschken, Marillen etc. hergestellt wird, nicht mehr "Marmelade" nennen, weil es sonst - angeblich - zu Verwechslungen mit der britischen "marmelade" kommt, die aus Zitronen und Orangen gemacht wird. Wir sollen stattdessen - wie die Deutschen - "Konfitüre" oder "Mus" dazu sagen. Auch Gurken und Paradeiser, die bei uns bisher "Gemüse" waren, sollen künftig "Konfitürenobst" sein.

Ich werde den Gremien der Schule für Dichtung - die von ihren Autoren und Autorinnen immer wieder daran erinnert werden, wie oft ausländische Lektoren so genannte "Autriazismen" aus ihren Manuskripten streichen - vorschlagen, im kommenden Jahr eine Initiative zum Schutz (zur Diskussion, Definition, Kanonisierung) der eigenen Muttersprache zu starten: Klassen, Vorlesungen, Gespräche ...

Logisch und konsequent

Solange Österreich innerhalb der EU dem "deutschen Sprachgebiet" zugeordnet wird, ist es nur logisch und konsequent, uns auch vorzuschreiben, "ordentliches Deutsch" zu verwenden. Derartige Ordnungsrufe laufen erst dann ins Leere, wenn "Österreichisch" als eigene Sprache durchgesetzt ist und ein offiziell anerkanntes Nachschlagewerk zur Verfügung steht, in dem beispielsweise "Marmelade" als "österreichische" Übersetzung von "Konfitüre" erscheint.

Schwyzerdütsch

Wir könnten uns an den Schweizern ein Beispiel nehmen. Schwyzerdütsch wird im Radio, im TV, auf Plakaten verwendet und ist auf dem besten Weg, sich als eigenständige Sprache zu etablieren. "Hochdeutsch" hat mitunter nur noch Untertitelfunktion. Oder an den diversen Chatrooms (da wird gewienert, gekärntnert, gesteiermarkt, dass sich die Balken biegen). Auch Niederländisch war einmal nix anderes als ein germanischer Dialekt und ist irgendwann zu einer eigenen Sprache erklärt worden.

Vielleicht ist der fortgesetzte Sprachenstreit innerhalb der EU (unter permanenter Missachtung "kleiner" Sprachen) der historisch richtige Moment, regionale Sprachmerkmale zu kanonisieren und diesen Kanon zu einer eigenen Sprache zu erklären.

H. C. Artmann, Karl Farkas, Elfriede Ott, Hans Krankl, Robert Hochner, Marianne Mendt, Falco, Bruno Kreisky, die Habsburger, Ernst Jandl, Ernst Hinterberger, Roland Neuwirth, telemax u. v. a. hätten bereits genügend Vorarbeit dafür geleistet ... (DER STANDARD, Printausgabe, 23.10.2003)

Christian Ide Hintze, Wiener Poet und Direktor der Schule für Dichtung.
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    Marmelade auf die Semmel - Konfitüre aufs Brötchen

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