Lockere Schrauben in der Rappelkiste

30. Oktober 2003, 20:36
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Mit ihrem Album "Speakaboxxx / The Love Below" errichten sich die HipHopper Outkast ein würdiges Denkmal

These: Wann immer Outkast eine Platte produzieren, werden die lockeren Schrauben der beiden hinter diesem Namen stehenden Hip- Hopper ordentlich angezogen. Wobei die losen Bindeglieder hier weniger eine unterstellte intellektuelle Labilität versinnbildlichen, sondern eher als Schleusenwarte zu verstehen sind, die einen kaum zu kontrollierenden Ideenüberschuss festigen und ihm die Richtung weisen sollen. Sie müssen dafür Sorge tragen, dass nicht ein in alle Himmelsrichtungen verstreutes Ideenchaos entsteht, das zwar aus lauter hübschen Einzelteilchen besteht, mangels Gesamtheit jedoch nicht konsumierbar ist.

Bislang ist das Big Boi und Andre 3000 gelungen. Für das exzentrische Duo aus Atlanta stellt HipHop jedoch seit ihrem Album Stankonia (2001), das den Smash-Hit Ms. Jackson enthielt, nur noch eine Ausgangsbasis dar. Eine notwendige Homebase, von der aus das Genre nach Lust, Laune und Fantasie an seine Grenzen und immer öfter auch darüber hinaus geführt wird. Mit ihrem 1994 noch als grüne Teenager eingespielten Debüt Southernplaylisticcadillacmuzik haben die beiden wesentlich dazu beigetragen, dass der amerikanische Süden auf die Landkarte des HipHop geholt wurde. Höchste Zeit, wenn man bedenkt, dass die Genese und Entwicklung dieses Genres eng an die Kataloge von Labels wie Stax oder Hi gebunden waren und immer noch sind.

Outkast demonstrierten, dass der Cotton Belt schon lange nicht mehr nur für Maisfresser in ausgebeulten Latzhosen steht, sondern dass man in das Spiel mit Beats und großer Klappe mehr einzubringen hat als billige Kopien dessen, was in den diesbezüglich federführenden Gemeinden von New York und Los Angeles produziert wurde. Klischeehafterweise waren wesentliche Zutaten für Outkast der Soul des Südens und der dazugehörende Funk. Ja selbst davor, Gospel in den HipHop-Kontext zu stellen, scheute man nicht zurück. Herkunftspflege also.

Diese Ausgangsposition gilt bei Outkast immer noch. Trotzdem geht es hier nicht um einen Wertkonservativismus, der sich in neuen Kleidern präsentiert: Andre 3000 und Big Boi verbinden bloß, was ohnehin zusammengehört, auch wenn es sich im Laufe der Jahre noch so weit voneinander entfernt hat. Technoide Breakbeats und Jazzpiano? Kein Problem.

Nachdem Stankonia schon einen Meilenstein darstellte, setzen Outkast mit dem nun erschienen Album Speakaboxxx/The Love Below noch einen drauf. Genauer gesagt zwei. Denn es handelt sich dabei um zwei Solowerke, um zwei CDs, die unter der Flagge Outkast segeln. Wahrscheinlich soll die Fangemeinde so auf die von Gerüchten kolportierten bevorstehenden Solokarrieren der beiden vorbereitet werden. Bis dahin spielt es sich in der Rappelkiste ordentlich ab: gepflegte Sexyness, wie sie Prince in seinen besten Tagen nicht zusammenbrachte, und verführerische Popsongs auf akustischer Basis hier, geschmeidige Schunkelbeats und dramatisches Brassgebläse aus dem Delta dort.

Und aus den Bruchstellen quillt der omnipräsente Gott Funk. Ein Traum! So wendig und doch stringent, so traditionell und gleichzeitig auf der Höhe der Zeit ist in diesem Genre sonst niemand. Sollte Speakaboxxx/The Love Below wirklich das Vermächtnis der beiden als Outkast sein - schade, aber okay. Denn bei so einem Erbteil hat man als Konsument ohnehin länger ausgesorgt. (Karl Fluch, DER STANDARD, rondo/23.10.2003)

Outkast: Speakaboxxx/The Love Below (BMG)
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    foto: bmg
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