von Linda Reiter

30. Oktober 2003, 17:08
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In der Vorwoche war vom Pilotprojekt der Selbstehrung durch Eigenpreisstiftung die Rede. Dazu gibt es einige Reaktionen. Herr Georg schreibt: Sie amüsieren sich über den an Herrn Emmerich Taler verliehenen Emmerich-Taler-Preis. Zu Recht, keine Frage. Nur: Sehen Sie einen qualitativen Unterschied zu Verleihungen von Großen Goldenen und Silbernen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik an Regierungsmitglieder auf Antrag der Regierung?

Oh doch, ich sehe einen Unterschied, lieber Herr Georg. Mir scheint der Talersche Weg der aufrichtigere zu sein, wenn auch vielleicht der weniger erotische. Wer ehrt, erwartet Ehrfurcht, Ehrerbietung oder ebenfalls Ehre. Ehre nicht nur, wem Ehre gebührt, sondern ehre vor allem, wer Ehre verleiht! Oft stiftet sich ein Preisträgerpärchen gegenseitig von der Bedeutungslosigkeit in die höchste Ehrenämterriege. Das ist ähnlich wie zu Weihnachten, wo er ihr eine Goldkette schenkt, worauf sie mit einer Golduhr dagegenhält, beides nur knapp am Geschmack des anderen vorbei, sodass beide ihr Geschenk umtauschen. Emmerich Taler würde sagen: Nächstes Jahr schenkt sich gleich jeder selbst etwas. Das hieße Verzicht auf Show und Erotik zugunsten der Praktikabilität.

Frau Olga erkennt an der Selbstpreisverleihung auch in finanztechnischer Hinsicht sehr viel Reizvolles. Sie schlägt vor: Ich spende mein Einkommen einer gemeinnützigen Stiftung (womit es nach Auffassung höchster Finanzexperten nicht mehr versteuert werden muss). Diese Stiftung verleiht nach reiflicher Überlegung einen Preis in der Höhe meiner Spende an mich, die Stifterin. Ich nehme überwältigt vor Rührung den Preis entgegen, den ich natürlich nicht versteuern muss. Weiteres Sparpotential ergäbe sich daraus, dass die ausgezeichnete Person die Laudatio auch gleich selbst halten könnte, zum Beispiel unter dem Titel: "Warum ich am gleichsten bin". Einschlägige Tournee-Erfahrungen können da nur von Vorteil sein.

Liebe Frau Olga, das klingt so logisch, dass es mich wundert, dass da nicht schon irgend so ein gewiefter Jungmanager auf die Idee gekommen ist. . .
Freundlichst, Linda Reiter (Der Standard/rondo/24/10/2003)

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