Gewaltiges Brodeln unter US-Nationalpark

3. November 2003, 12:07
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Unter dem Yellowstone-Park schlummert eine Art Supervulkan - Ausbruch jederzeit möglich

Hamburg/Washington - Das Schicksal der Menschheit könnte sich acht Kilometer unter der Erdoberfläche entscheiden - im Yellowstone-Nationalpark in den USA. Dort schlummert ein Supervulkan. Und ein Ausbruch erscheint nun jederzeit möglich, ergaben jüngste Studien des US-Geological Survey.

Die Folgen kämen einer Apokalypse gleich, die Millionen Menschen den Tod bringen würde, vermuten Vulkanologen. Die große Eruption des Mount St. Helen im Jahre 1980 wäre dagegen ein Silvesterfeuerwerk: 10.000-mal so viel Feuer, Gestein und Asche flögen in die Luft. Ein etwa 150 Meter dicker Ascheschleier würde in die Stratosphäre steigen für Jahre das Sonnenlicht blockieren. Die Temperaturen sänken weltweit um etwa fünf Grad. Jahrelang fielen Ernten aus, und die Weltwirtschaft bräche zusammen.

Es könnte laut Vulkanologen ein Ausbruch werden mit Ausmaßen wie vor 74.000 Jahren, als auf der Insel Sumatra ein Supervulkan explodierte und ein "Vulkanischer Winter" folgte. Damals dezimierten sich, jüngsten genetischen Studien zufolge, unsere Vorfahren auf 5000 bis 10.000 Überlebende, was die Spezies fast zum Aussterben brachte.

Auf der weiten Ebene im Nordwesten der USA sprudeln heiße Quellen (Geysire). Satellitenbilder brachten vor wenigen Jahren die Erkenntnis: Der Yellowstone-Nationalpark besteht großteils aus einer "Caldera", dem Rest eines eingestürzten Vulkans.

Die Caldera ist 80 Kilometer lang und 65 Kilometer breit - mehr als doppelt so groß wie Luxemburg. Über die gleiche Fläche dehnt sich unter der Erde eine Magmablase (Lava) in acht bis 16 Kilometern Tiefe aus. Das Magma dringt langsam nach oben und schmilzt die Erdkruste Richtung Erdoberfläche auf. Im Gestein darüber bilden sich Risse. Gelangt dadurch Grundwasser an das Magma, kann es zur Explosion kommen.

Deshalb sorgen neue Untersuchungen der Vulkanologin Lisa Morgan derzeit für Aufsehen: Sie zeigte, dass der Untergrund des Parks zerklüfteter ist als angenommen. Zudem entdeckten Morgan und Kollegen auf dem Grund des Yellowstone-Sees einen 700 Meter langen, etwa 40 Meter hohen Hügel - durch unter hohem Druck stehende Gase aus dem Boden gepresst, schreibt Morgan im Wissenschaftsmagazin Journal of Volcanology and Geothermal Research.

Zwei Möglichkeiten

Das neu entdeckte Gasreservoir nährt nicht nur die Sorge, der Druck im Erdinneren könnte sich in einem Vulkanausbruch entladen. Auch eine große "hydrothermale Explosion" scheint möglich: Zu einer solchen kommt es, wenn der unterirdische Gasdruck nicht mehr allein über Geysire abgebaut werden kann. Dann bricht die Erde über ein größeres Gebiet auf, und riesige Mengen heißen Wassers und Gestein platzen heraus. Derzeit wird das Gebiet von zahlreichen Forschern untersucht.

Aber nicht nur Wasser und Gas sind in Bewegung, sondern auch der Park als Ganzes: Satellitenbeobachtungen zeigen, dass sich die Caldera wie eine Blase aufwölbt - um etliche Millimeter im Jahr. Der Druck der unterirdischen Magmakammer mache sich immer deutlicher bemerkbar, meint Vulkanologe Robert Smith. Direkte Anzeichen für einen bevorstehenden Ausbruch gebe es zwar nicht. Der Blick in die Ablagerungen und damit in die jüngere Geschichte des Supervulkans gebe aber zu denken, erklärt Smith: In den vergangenen zwei Millionen Jahren kam es regelmäßig alle gut 600.000 Jahre zur Katastrophe. Und die bisher letzte große Eruption liege bereits 630.000 Jahre zurück. (Axel Bojanowski/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 10. 2003)

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