Fliegende Finger, edle Gedanken

26. Oktober 2003, 21:26
posten

Hiromi Uehara und der Saxophone Summit

Wien - Es sind schon seltsame Zeiten, in denen eine Jungjazzerin schon dadurch Interesse an ihrer Person wecken kann, indem sie vermeidet, ihre Stimmbänder in Schwingung zu versetzen. Hiromi Uehara singt nicht, obwohl sie 24 Jahre jung und von durchaus fotogenem Äußeren ist, und das bedeutet in Tagen des Vokaljazz-Hypes durchaus einen gewissen Raritätsbonus.

Was Diana Krall, Norah Jones und Co gleichsam nebenbei tun, das tut Uehara in jeder Hinsicht voll und ganz: Klaviertasten drücken. Mit jener Hingabe und physischen Vehemenz freilich, die man sonst nur von den Cluster-MeisterInnen in der Nachfolge Cecil Taylors kennt. Uehara, die Japanerin mit Wohnsitz Boston durchkreuzt den Parcours der Jazzgeschichte in angriffslustigen, spielerischen Tours de force, in der vom Hochgeschwindigkeits-Ragtime über die distinguierten Akkorde des Cool Jazz bis zum Funkrock-Pattern so ziemlich alles auf seine Gegenwartstauglichkeit abgeklopft wird.

Virtuose Energie

Es war schon erstaunlich, mit welch virtuoser Energie diese zierliche Frau das alte Gemäuer des Wiener Jazzland zum Erzittern brachte: Schon im Opener XYZ flogen die Finger, wurden Akkorde mit der Geschwindigkeit von Skalen in die Tastatur gestanzt, wirbelwindartig und dennoch klar in der Aussage.

Da hätte es nicht einmal kontemplativerer Gedankenspiele wie in Another Mind bedurft, um den Verdacht eines seelenlosen, eklektischen Technikmonsters zu entkräften. Obwohl an so manchem naturgemäß noch gefeilt werden kann: Etwa am Keyboard-Sound von "010101 - Binary System", der als Sciencefiction-Effekt bestenfalls in den 60er-Jahren brauchbar gewesen wäre. Oder auch am breiigen, offenkundig am Dub geschulten Sound des von Tony Grey bedienten fünfsaitigen Basses. Während das harte, spröde Schlagzeug Martin Valihoras einen durchaus sympathisch eckigen Kontrapunkt zur pianistischen Perfektion bedeutete.

Die edlen Soli

Ob Michael Brecker, Joe Lovano und Dave Liebman in ihrem Zusammenwirken ebenfalls Bandcharakter erkennen lassen würden, oder ob es sie sich mit einer Aneinanderreihung edler Soli begnügen würden: Diese Frage stellte sich vor Beginn des dienstägigen Gastspiels des mit Phil Markowitz (Piano), Cecil McBee (Bass) und Billy Hart (Drums) komplettierten "Saxophone Summit" im Konzerthaus.

Es kam anders: Der berüchtigte akustische Waschküchencharakter des Großen Saals kam gleich im Opener voll zum Tragen, sodass man im weiteren auf kollektive Saxofonpassagen oder selbst Bläsersätze getrost verzichten konnte. Überraschend war immerhin, dass nicht etwa die Kulinariker Brecker oder Lovano die Richtung vorgaben, sondern Altmeister Dave Liebman seine Kollegen mehrmals in für sie ungewohnt freie Gefilde verführte.

Das bedeutete dann schon den einen oder anderen spannenden Moment, etwa wenn Billy Hart Jazzrock-Koloss Brecker zu einem selbst in freejazziger Ekstase wohlkontrollierten Gedankenflug anregte. Auch Pianist Phil Markowitz hätte solistisch viel vorzuweisen. Hätte der Konzerthausraum nicht die Wirkung erheblich geschmälert, man hätte von einem hörenswert unbequemen Konzert sprechen können.
(DER STANDARD, Printausgabe, 23.10.2003)

Von Andreas Felber
Share if you care.