Dschungel der kriechenden Wohlstandskrieger

27. Oktober 2003, 19:13
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Absurdes Theater: "Für eine bessere Welt" von Roland Schimmelpfennig in Zürich

Falk Richter inszeniert am Zürcher Schauspielhaus die Uraufführung von "Für eine bessere Welt" von Roland Schimmelpfennig: absurdes Theater.


Ist Krieg ein Kinderspiel? Die Inszenierung, die Falk Richter dem neuen Stück von Roland Schimmelpfennig angedeihen lässt, lässt die Frage unweigerlich aufkommen.

Mit ihren Tarnanzügen und MPs robben, jagen, schießen und sterben die Schauspieler wie Kinder auf der Bühne des Zürcher Schauspiels am Pfauen: Indianerspiele. Alle gegen alle, orientierungslos. Damit nimmt der Regisseur den Schluss des Stücks vorweg: Dort erinnert sich eine Soldatin, wie sie sich als Kind in der Dusche stehend in einen Krieg im tropischen Regenwald wegträumte.

Im afrikanischen Dschungel spielt das Ganze: Es könnte sich auch um Vietnam oder den Irak handeln. Ein bereits arg dezimierter US-Trupp geht gegen Guerillas vor. Die acht Männer und Frauen kämpfen, sinnieren, vertreiben sich die Langeweile - und erfinden seltsame Rituale. Auf dem Höhepunkt feiern sie in einem tranceartigen Fest den Jahrestag ihrer Ankunft: Sie glauben kaum mehr daran, dass sie wieder wegkommen.

Der Titel, den Schimmelpfennig seinem Stück gegeben hat, ist natürlich ironisch: Für eine bessere Welt. Diese Krieger und Kriegerinnen im afrikanischen Dschungel haben längst vergessen, wofür sie kämpfen. Sie wissen auch nicht mehr, gegen wen. Der Feind ist überall. Handelt es sich nicht eigentlich um Aliens, um die geheimnisvollen Glasfresser?

So vermischt sich Reales, ja momentweise Komisches mit Atavistischem: Ein wahrscheinlich sinnloser, geheimnisvoller Auftrag führt in die offenbare Ausweglosigkeit. Schimmelpfennig hat diese Situation nicht selber erfunden. Die Short Story The Long Rain von Ray Bradbury kommt einem in den Sinn, und in der Inszenierung auch Filme wie Apocalypse Now oder gar Saving Private Ryan.

Sciencefiction und Guerillakrieg gehen nahtlos ineinander über: der Mensch - verloren im Dickicht der eigenen Orientierungslosigkeit. Verbunden mit den Kindheitsmustern verdichtet sich das nachträglich doch zu einem eindringlichen Bild. Das Spiel ist entpersonalisiert, die Schauspieler übernehmen verschiedene Rollen. Die Geschichten werden ineinander verwoben, sodass sich auch der Zuschauer ständig neu orientieren muss.

Die Regiearbeit Falk Richters ist in gewohnter Weise ruhelos: eine Art "Speed Theatre", ins Monumentale getrieben mit der Musik von Paul Lemp, unterbrochen und erweitert mit den Videos von Meika Dresenkamp. Die Methode ist es, jeden Moment aufzubrechen.

So werden Szenen nacheinander in Text und Theater dargestellt, was einen eigentümlichen Verdoppelungseffekt ergibt. Man bewundert das Tempogefühl und die Fantasie des Regisseurs, die Körpersprache dieses so mobilen Zürcher Schauspieler-Oktetts, freut sich über die schrägen Situationen, die sarkastische Momente, und man spürt dahinter auch eine Zerstörungslust, die zu den Kinderspielen passt, dem Ganzen aber auch über weite Strecken den drängenden Ernst nimmt. (Nein! Das Lachen bleibt einem nicht im Hals stecken!)

Wünscht sich dieses Theater auch "wahre" Gefühle: Nur blitzartig, etwa am Schluss, schimmert etwas Derartiges durch. Falk Richter wollte offenbar unbedingt noch einen eigenen neuen Text anfügen: "Sieben Sekunden/In God We Trust" ist eine gut rhythmisierte, grausam witzige Folge von Statements über die kurze Zeit, die einem Piloten bleiben zwischen Alarmmeldung und Abschuss, aber auch über Amerika und über den Krieg.

Das allein - die dem Programmheft beigefügte CD, eine Produktion des NDR, demonstriert es - lohnte sich schon, aber als Präludium ohne Pause dem Schimmelpfennig-Stück vorangehängt, nimmt es diesem die Ruhe des Beginns. Es führt von vornherein eine vertrashte Sprache ein, überspitzt die Themen, die das zweite Stück über weitere zwei Stunden verarbeitet, sucht Aktualität.

Für eine bessere Welt braucht denn auch eine gewisse Zeit, um seine eigene, langsamere Erzählweise zu entwickeln. Aber trotz dieser Einwände: Im Nachdenken bleiben viele Bilder an diesem Abend im Kopf hängen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 23.10.2003)

Thomas Meyer aus Zürich
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