"Mehr amerikanisches Engagement!"

23. Oktober 2003, 18:34
3 Postings

Die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright stellt im STANDARD-Interview ihre Autobiografie vor

Von der tschechischen Immigrantin zur US-Außenministerin: Am Mittwoch stellte Madeleine Albright, Gast des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen, in Wien ihre Autobiografie vor. Michael Freund sprach mit ihr.

STANDARD: Was war die für Sie wichtigste außenpolitische Leistung mit dauerhaften Folgen in Ihrer Amtszeit?

Albright: Schwer zu sagen, was dauerhaft sein wird ... Ich hoffe, die folgende Kombination: die vorletzten Schritte zu einer Einigung Europas zu ermöglichen inklusive Nato- Erweiterung; und die Entwicklung auf dem Balkan, dem "fehlenden Stück" zu dieser Einigung, wo wir zu lange zugewartet hatten und ich entschlossen war, das nicht im Kosovo zu wiederholen. Dafür wurde ich sehr kritisiert, was den Sieg dann nur versüßte.

STANDARD: Sie schildern sehr detailliert, wie schwierig jede Form der Verhandlung im Nahen Osten war - welche Lösungen sahen bzw. sehen Sie?

Albright: Ich fand die kürzliche Initiative von Yossi Beilin und einigen Palästinensern, ein informelles Abkommen zu erarbeiten, sehr interessant; die scheint dort fortzufahren, wo wir in Camp David und Taba aufgehört haben. Man bekommt Hoffnung, dass hier - innerhalb eines Zweistaatensystems - eine Lösung gefunden werden kann. Die Flüchtlingsfrage und das Thema Jerusalem müssen behandelt werden, aber es gibt eigentlich keinen anderen Weg.

Die Chemie zwischen den Beteiligten ist natürlich wichtig. Die israelische Taktik, Arafat zu attackieren, hat ^seine Träume erfüllt, ihn zu einem Opfer gemacht und seine Popularität wiederbelebt. Nicht ich, aber die jetzigen Akteure müssen jemanden wie Arafat verstehen. Dazu braucht es viel guten Willen, und es braucht mehr amerikanisches Engagement, als derzeit der Fall ist. Oslo wurde ja auch quasi nebenbei ausgearbeitet, und dann führten wir es weiter.

STANDARD: Wie erleben Sie den Antiamerikanismus in Europa?

Albright: Solche Phasen gab es immer, genau so wie Antieuropäismus in den USA. Was die derzeitige Periode so unangenehm macht, ist, dass beides gleichzeitig passiert. Mich stört das, weil ich mich als beiden zugehörig empfinde und weil ich denke, dass Zusammenarbeit viel besser wäre als Trennung; wir wollten zu Clintons Zeit immer ausgleichend wirken. Ich denke, die Europäer mögen Amerika, seine Technologie und seine Kultur, aber nicht seine Politik.

Allerdings sollten die Europäer nicht daran arbeiten, ein Gegengewicht zu den übermächtigen USA zu sein, sondern mit uns zusammenarbeiten, um im Rest der Welt nach dem Rechten zu sehen.

STANDARD: Gibt es ein Leben nach der Politik?

Albright: Ich müsste mir das Gehirn transplantieren lassen, um mich nicht mehr für Politik zu interessieren . . . Jedenfalls: Man erinnert sich daran, wie schwer es "innen" ist, sich dauernd von "außen" kritisieren zu lassen. Wenn man andererseits das einmal kennt, kann man sehr wohl sagen: Das würde ich aber anders tun. Warum etwa hat die jetzige Regierung nicht unsere Nordkorea-Politik weitergeführt, sondern drei Jahre verstreichen lassen, um jetzt die Karten wieder aufzunehmen?

STANDARD: Was hat Sie zu Ihrer Biografie motiviert?

Albright: Es waren drei Motivationen: Ich fühlte eine Verpflichtung dazu, damit die Geschichte, wie ich sie erlebt habe, zugänglich wird und man versteht, wie sehr es auf die Nuancen und die Dynamik zwischen den Akteuren der internationalen Diplomatie ankommt. Ich dachte auch, dass meine persönliche Geschichte - eine Immigrantin, eine Frau einer bestimmten "Zwischengeneration" ohne festes Ziel, die Scheidung - es wert war, erzählt zu werden. Drittens spiegelt mein Leben in gewisser Weise das 20. Jahrhundert zwischen Europa und Amerika wider: eine Zeit, die nach meiner Überzeugung gezeigt hat, dass sich die USA international engagieren müssen.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Die Europäer sollten nicht daran arbeiten, Gegengewicht zu den übermächtigen USA zu sein": Madeleine Albright

Share if you care.