"Das Publikum lacht die Kritik weg!"

22. Oktober 2003, 17:20
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Zur Qualtinger-Ausstellung am Karlsplatz

Wien - Diese "Quasi ein Genie"-Ausstellung im Historischen Museum am Karlsplatz – seit dem Relaunch durch Wolfgang Kos muss man es "Wien Museum" nennen – könnte auch noch aggressiver sein. Ansätze dazu sind da. Schließlich geht es um Helmut Qualtinger. Dessen Vater kam aus Braunau und lebte seine explosiven Neigungen sowohl als Chemielehrer als auch als Nationalsozialist aus; auch die Mutter kam nicht aus Wien, sondern aus dem Kärntner Bezirk St. Veit an der Glan.

Nur von Wien aus gesehen kann Qualtinger zu Folklore verharmlost werden (was im schwächsten Teil dieser Ausstellung, "Die Lokalgröße", dadurch geschieht, dass er als Trinker "wie du und ich" präsentiert wird). Menschen, die nicht das Privileg (oder das Unglück) hatten, in dieser Wiener Lokalszene aufzuwachsen, nahmen Qualtinger aber nicht so ausschließlich als "Wiener" wahr, sondern als Stimmenkünstler, der auf Schallplattenaufnahmen sich in Dutzende Stimmen aus der ganzen Monarchie in Die letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus aufspalten konnte. Oder die Stupidität in Hitlers Mein Kampf auslebte. Das Gute an dieser mit allen Medien arbeitenden Ausstellung ist es, dass all diese Stimmen gehört und viele Filmausschnitte gesehen werden können.

Ein Foto aus dem Familienalbum zeigt den 1928 geborenen Helmut Qualtinger mit blonden Locken in der Wohnung am Klopsteinplatz im dritten Bezirk, von der Mutter beschriftet mit "ein Spitzbub". Richtig. Eine frühe Bastelarbeit zeigt einen König, der sein Szepter ganz schief hält: taumelnd oder zuschlagend? Als Qualtinger 1944 zur Flak im Arenbergpark einberufen wird, da will er gleich eine "Mozart-Bühne" gründen und diese mit Nestroys "Nur keck! "eröffnen.

1945 wiegt Qualtinger 48 Kilogramm und schreibt sein erstes eigenes Stück, in dem Kasperl sagt: "Sind die braven Kinder alle da? Ja? Und die schlimmen a? Naa?" – Das wienerische Unglück Qualtingers war es, dass bis heute oft doch nur die braven Kinder da sind und "ihren Quasi" wollen. Die Hommage an ihn in dieser Ausstellung zeigt eine andere Seite. Zum Beispiel indem betont wird, dass die Kabarettkarriere, in der Qualtinger schon 1952 mit Bronner- Songs 1952 100.000 Schallplatten verkaufte, bereits 1961 endete. Und zwar bewusst, "weil das Publikum die Kritik weglachte". Da kämpfte Qualtinger schon lieber mit den Waffen seiner "practical jokes": Da rief er Helene Thimig an, getarnt als "Bandleader Horst Winter", und wollte sie als Jazzsängerin engagieren. Oder er setzte die Zeitungsente in die Welt, dass der "Grönlanddichter Korbut" Wien besuchen werde. Er sei bekannt geworden durch die Romane Brennende Arktis und den Schlittenhundroman Heia Musch Musch. – Stellt Qualtinger endlich in Grönland aus! (DER STANDARD, Printausgabe vom 23.10.2003)

Von
Richard Reichensberger

"Quasi ein Genie"
Wien Museum Karlsplatz
1040 Wien
Bis 8. 1. 2004
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