"Eine zu Ende gegangene Beziehung"

22. Oktober 2003, 15:40
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Staatsopern-Ballettchef Renato Zanella enttäuscht über mangelndes Feedback von Holender

Wien - Für Unruhe in der Ballettwelt sorgte vergangene Woche die Aussage von Staatsopernchef Ioan Holender, wonach Renato Zanella im Jahr 2005 auf eigenen Wunsch als Ballettchef ausscheiden werde. Geplant sei eine Reorganisation des Balletts, dem künftig kein Choreograf mehr vorstehen solle. Zanella nahm nun dazu Stellung.

"Es ist eine zu Ende gegangene Beziehung, eine Ehe, die kaputt ging", kommentierte Zanella die Neuigkeit. "Meine Entscheidung zu gehen hat mit meiner Sorge um die Zukunft des Balletts hier zu tun, die mir mangels Kommunikation unbekannt ist. Nach den Erfolgen, die wir hatten, hätte ich mir Feedback von Direktor Holender gewünscht. Ich habe sehr wohl nach der Zukunft gefragt, aber keine Antwort bekommen. Meinen Kündigungsbrief hätte er ja auch zerreißen können und das Gespräch mit mir suchen, aber so war es nicht. Es gibt eine klare Programmierung für die Oper, nicht aber für das Ballett". Die Ausgliederung der Bundestheater hätten keine Rolle bezüglich Holenders Gesprächsverweigerung gespielt, meint Zanella.

Der Ruf des Wiener Staatsopernballetts hat sich in den vergangenen Jahren entscheidend gebessert. Zanella: "Wenn man das Image festmachen kann an der Zahl der Einladungen für Gastspiele, dann haben wir einen sehr guten Ruf. Ich wollte zu allen großen Festivals, und das haben wir geschafft. Das wird allerdings in Österreich nicht geschätzt."

"Off Ballett Special wird weiter gehen"

Sehr erfolgreich war Zanella in den vergangenen Jahren mit der Initiative "off ballet special", bei der behinderte gemeinsam mit nicht behinderten Menschen zu Choreografien Zanellas abendfüllende Ballette tanzen. Im Juni 2000 zeigten Mitglieder des Vereins "ich bin o.k." und Tänzer der Staatsoper erstmals, wie produktiv und erfreulich eine solche Kooperation sein kann. Am Sonntag, dem 2. November, findet eine Matinee in der Staatsoper statt: "off ballet special und Wissenschaft" (12 Uhr). Wird es so etwas auch nach 2005 geben? Zanella: "Auf jeden Fall. Das betrifft mich als Mensch und Choreograf und ist ein Lebenswerk von mir. Ich bin erstaunt, welche großen Fortschritte die behinderten Tänzer gemacht haben. Dieses 'off ballet special' ist zu einem zentralen Punkt ihres Lebens geworden."

Im Gespräch verneint Zanella, ein anderes Ensemble leiten zu wollen, wiewohl er viele Angebote als Choreograph habe. Es ziehe ihn wieder nach Italien zurück und weiter über Hollender: "Immerhin hat er mich nach Wien geholt und mir diese tolle Chance gegeben. Doch momentan ist meine künstlerische Identität in Gefahr."

Worauf ist Zanella nach acht Jahren stolz? "Ich habe aus diesem etwas verzopften Betrieb ein kreatives internationale Ensemble mit klarem Profil und Stars gemacht. Ich glaube nicht, dass eine reine Einkaufspolitik eines administrativen Ballettchefs so etwas leisten kann. Aber das sind eben politische Entscheidungen. Ich wäre wirklich glücklich, wenn ein neuer Direktor kommt und es schafft, mehr Vorstellungen und Autonomie zu erreichen und das Ensemble nicht zu zerstören. Dann hat meine Arbeit Sinn gehabt. Das ist mein ehrlicher Wunsch!" (APA, red)

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