Prix Goncourt an Jacques-Pierre Amette

31. Oktober 2003, 12:09
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"La Maitresse de Brecht" wurde mit dem begehrten französischen Literaturpreis gewürdigt - Streit um frühzeitige Bekanntgabe

Paris - Der begehrteste französische Literaturpreis "Prix Goncourt" geht in diesem Jahr an den Literaturkritiker Jacques-Pierre Amette für seinen Roman "La Maitresse de Brecht" ("Die Geliebte von Brecht"). Dies gab die Jury des Goncourt-Preises am Dienstag bekannt. In Amettes Liebes- und Spionageroman geht es um ein Rollenspiel hinter den Kulissen des Berliner Ensembles. Für seinen Roman erfand Amette zusätzlich zu den zahlreichen bekannten Liebschaften Bertolt Brechts (1898-1956) eine weitere. Besonderes Gewicht erhält die Vergabe des Goncourt-Preises heuer auf Grund des 100-Jahr-Jubiläums der erstmaligen Verleihung 1903.

Die "Geliebte von Brecht" setzte sich im fünften Wahlgang gegen Romane von Frederic Beigbeder ("Windows on the World") und Alice Ferney ("Dans la Guerre") durch. Der mit sieben Euro nur symbolisch dotierte Prix Goncourt gilt als der am meisten verkaufsfördernde Preis in der französischen Literaturszene.

Vielschreiber

Amette, Jahrgang 1943, ist Literaturkritiker des Pariser Wochenmagazins "Le Point" und hat in nahezu vier Jahrzehnten etwa 30 Romane, Erzählungen und Theaterstücke geschrieben, darunter "L'homme du silence" ("Der Mann der Stille") und "Confessions d'un enfant gate" ("Bekenntnisse eines verwöhnten Kindes").

"Die Geliebte von Brecht" spielt in der Zeit des Kalten Krieges. Die von Amette erfundene Geliebte Maria Eich, eine österreichische Schauspielerin, soll im Auftrag der Staatssicherheit herausfinden, ob der frühere Kommunist Brecht während seines Exils in den USA nicht seine alten Überzeugungen über Bord geworfen hat. Zur Figur Maria Eich habe ihn ein Bild der Schauspielerin Regine Lütz inspiriert, sagte Amette dem "Nouvel Observateur". Brecht behandle sie wie andere Frauen in seiner Umgebung, "wie eine Prostituierte, wie Macky Messer aus der Dreigroschenoper", fügte Amette hinzu. Zugleich betonte er, Brecht habe in seinen Theaterstücken - etwa in der "Mutter Courage" und im "Guten Menschen von Sezuan" - "bewundernswerte Frauenfiguren" gestaltet.

Der bei Albin Michel erschienene Roman spielt ab dem Jahr 1948, als Brecht nach 15 Jahren des Exils bewusst nach Ost-Berlin ging, um ein sozialistisches Vorzeige-Theater aufzubauen. Mit seinen inneren Widersprüchen eigne Brecht sich hervorragend als Romanfigur, sagte Amette. "Ich fände es schön, wenn der Leser sich nach dem Lesen meines Buches wieder an die Lektüre Brechts machte."

Streit und Überraschung

Die Verleihung des Goncourt-Preises war ursprünglich erst für den 3. November angekündigt. Allerdings hat sich in den vergangenen Jahren eine scharfe Konkurrenz zwischen den verschiedenen Gremien der Pariser Literaturszene herausgebildet. Die Goncourt-Jury erklärte, sie habe verhindern wollen, dass ihr eine andere Jury mit der Auszeichnung Amettes zuvorkomme.

Dies löste Kritik aus - weil damit dem Großen Preis der Académie francaise und dem Prix Femina die Schau gestohlen und das Geschäft vermasselt hat. "Das ist ein Skandal", empörten sich die Jury-Mitglieder des Femina-Preises, die am kommenden Montag ihren Preisträger bekannt geben werden.

Mit der vorgezogenen Preisvergabe überraschte die Académie Goncourt auch den Schriftsteller. "Meine Dokumentarin hat mir die Neuigkeit mitgeteilt. Ich scherzte und sagte: "Hör auf zu spinnen. Der Preis wird doch viel später vergeben"", erklärte Amette, der auch Literaturkritiker der Wochenzeitung "Le Point" ist. Der Überraschungseffekt stiehlt auch dem Autor teilweise die Schau. "Gemeinheit im Land des Goncourt" oder "Der sehr überraschende 100. Goncourt-Preis", lauten Schlagzeilen der französischen Presse. (APA/dpa/red)

  • Jacques-Pierre AmetteLa Maîtresse de Brecht(Albin Michel)
    grafik: albin michel

    Jacques-Pierre Amette
    La Maîtresse de Brecht
    (Albin Michel)

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