Neue Alte und neues Denken für alte Politik

24. Oktober 2003, 19:18
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Altenpflege in Österreich orientiert sich an den Defiziten, nicht an den Ressourcen alter Menschen

Die Sozialgerontologie kennt junge Alte und alte Alte, Gruppen mit durchaus unterschiedlichen Bedürfnissen. Die Werbewirtschaft hat die neuen Alten als potenzielle Zielgruppe entdeckt. In einzelnen Seniorenorganisationen werden Forderungen nach Selbst- und Mitbestimmung laut. Die Sozial- und Gesundheitspolitik verharrt hingegen in alter Begrifflichkeit: Alt ist alt und gehört versorgt und gepflegt. Wie, das bestimmen Budgets und Traditionen. Die stärkste Tradition: Altenpflege ist Aufgabe der Familie. Betreuungs-, Hilfe- und Pflegebedürfnisse müssten präzise abgegrenzt werden, rät der Soziologe und Gerontologe Anton Amann im Seniorenbericht 2000 und empfiehlt "flächendeckende bedürfnis- und bedarfsorientierte Systeme".

Die meisten der Seniorinnen und Senioren brauchen nur partielle Unterstützung im Alltag, zeigt eine Studie des Ökonomen Christoph Badelt. Drei Prozent der über 60-Jährigen greifen dazu in Österreich auf mobile Hilfsdienste zurück. Rund acht Millionen Einsatzstunden der 10.000 Helferinnen und Helfer verzeichnet die Statistik pro Jahr. In Wien werden 23.000 Menschen durch die "Sozialen Dienste" unterstützt. Geriatrische Tageszentren, 17 verteilt auf alle Bezirke, ergänzen das ambulante Angebot.

Lieber in der Familie

Tagesbetreuung beschränkt sich allerdings, von wenigen Ausnahmen abgesehen, auf den urbanen Raum. Lieber als "fremde Hilfe" ist den Alten allemal die Hilfe durch Angehörige. Laut Mikrozensus 2002 werden 464.800 von der Familie oder Bekannten betreut oder gepflegt. 80 Prozent der Pflegenden sind Frauen, meist die Gattinnen oder die Töchter und Schwiegertöchter. Ihnen fehlen Vorbereitung, Supervision, Weiterbildung, vor allem aber alternative Betreuungsformen für Urlaub und Auszeiten. Soziologe Anton Amann warnt davor, "Familie und Verwandte noch stärker zu belasten", denn Pflegearbeit sei Schwerstarbeit, und das informelle System habe die Grenze seiner Möglichkeiten bereits erreicht.

Staatssekretärin Ursula Haubner verspricht Abhilfe durch "ein Reformmodell, das durch Sachleistungen unterstützt". Zwischen Pflege daheim und Heimpflege sind alternative Wohnformen angesiedelt, etwa betreutes Wohnen und Senioren-Wohngemeinschaften.

Während in Heimen 69.082 Plätze zur Verfügung stehen, gibt es in betreuten Wohnungen oder Wohngemeinschaften nur 1500 Plätze. 15 davon in einem ungewöhnlichen Projekt in Oberösterreich. Elf Bauernfamilien in den Bezirken Perg und Freistadt bieten in barrierefreien Wohnungen "Betreutes Wohnen auf dem Bauernhof". Eine Alternative, die, so Biobauer Josef Mayrhofer, "sogar von alten Menschen aus anderen Bundesländern angenommen wird". Betreut werden die Wohnungsmieter nach Bedarf von der Bäuerin, die wiederum über mobile Dienste und das Rote Kreuz unterstützt wird.

Bedürfnisorientierte Pflege sei auch in Pflegeheimen möglich, sagt Elisabeth Marcher vom Berufsverband der Pflegeberufe. Mit der "Eden Alternative", einer in den USA entwickelten Pflegemethode, bietet der Verband ein entsprechendes Weiterbildungsprogramm an. In Eden-Häusern herrschen "paradiesische" Zustände: Keine Weckrufe zu Unzeiten, keine Abendsperren, Haustiere sind nicht nur erlaubt, sondern erwünscht.

Elisabeth Marcher: "So bekommt das Leben im Heim den Charakter eines normalen Lebens." Radikales Umdenken bei der Heimpflege fordert der Querdenker in der Altenpflege, Erwin Böhm: "Wir brauchen Gesundheitspflege statt Krankenpflege." Die "versorgende Pflege" fördere den Rückzug alter Menschen.

Chance durch Sparen

Böhm sieht in den drohenden Sparmaßnahmen "große Chancen, so paradox das klingt", denn man sei gezwungen, die Altenbetreuung in Richtung Rehabilitation zu überdenken. "Die wäre wirksamer und kostengünstiger, wird aber in der Pflege nicht praktiziert." In den meisten österreichischen Pflegeheimen bestimmt die Personalknappheit die Pflege. Verbandsvorsitzende Christine Ecker: "Wir haben ein krankes System." Geheilt werden könne das nur durch bessere Ausbildung: "Wir brauchen eine einheitliche Pflegeausbildung, die Teil des Regelschulwesens ist", fordert Ecker und schlägt ein fünfjähriges modulares Kolleg mit Matura vor. Einheitliche Ausbildungsstandards möchten auch Bund und Länder und arbeiten am Entwurf einer 15a-Vereinbarung über "Sozialbetreuungsberufe". Haubner: "7500 Altenfachbetreuerinnen werden derzeit dringend gesucht. Ohne Qualifikation, die bundesweit als Beruf anerkannt wird, werden wir diese Fachleute nicht bekommen." (Jutta Berger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 10. 2003)

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