Stillstand, bis der Zug abgefahren ist

22. Oktober 2003, 19:06
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Letzte Jugendtage und Hoffnungen auf die wahre Liebe in der Provinz: David Gordon Greens "All the Real Girls"

Letzte Jugendtage und Hoffnungen auf die wahre Liebe in der Provinz: David Gordon Greens "All the Real Girls" - eine weitere Variation der Großen Amerikanischen Desillusion.


Paul liebt Noel, die Schwester seines besten Freundes Tip, aber anders, als man das unter besten Freunden erwarten möchte, ist Tip keineswegs begeistert davon. Gut möglich, dass er auf Paul eifersüchtig ist. Jedenfalls wird er nicht müde, immer cholerischer darauf hinzuweisen, dass Mädchen für Paul nur Spielzeug sind, dass er praktisch schon jede "gehabt" und wieder "weggeworfen" hat. Dass Verliebte auf solche Einwände nichts geben, ist ein altes Lied. Und dass der Kontrast zwischen realer provinzieller Verwahrlosung und jugendlichen Träumen irgendwann einmal zartbittere Desillusion zeitigt, hat uns auch schon so manchen großen Film beschert.

The same old story: Der 1975 in North Carolina geborene Regisseur und Autor David Gordon Green hat seine 70er-Jahre-Vorbilder wie Peter Bogdanovich (The Last Picture Show) oder Terrence Malick (Badlands) zu gut studiert, als dass er nicht wüsste: Der Zauber bei solchen Geschichten liegt zuallererst in der guten Beobachtung sehr spezifischer regionaler Bedingungen - und einem sehr guten Casting. All the Real Girls, nach dem atemberaubenden Debüt George Washington der bis dato zweite Spielfilm Greens, macht auf diesem Gebiet denn auch kaum etwas falsch.

Es ist in jeder Einstellung deutlich, dass Green sehr genau weiß, was die Orte seiner eigenen Jugend ausmacht und wie man sie gewissermaßen in einen filmischen, zeitlosen Raum überträgt, der den archaischen Vorstellungen und Ehrenkodizes der Protagonisten entspricht. Allein, mitunter bedient der Film etwas zu inständig die immer gleichen Akkordfolgen und (Dis-)Harmonien. Über dem Dahinbrüten über mehrere Dosen Bier verdoppelt er mitunter lediglich das Grundgefühl dieser Twens und Teenager: Man kommt scheinbar nicht richtig von der Stelle - und dann ist plötzlich der Zug abgefahren.

Kurz: Man merkt phasenweise, dass das Drehbuch schon vor George Washington entstanden ist. Wie meinte David Gordon Green: "Ich finde jetzt, dass All the Real Girls einen soliden, aber auch ambitionierten zweiten Schritt bedeutet." Andererseits - vielleicht gilt hier eher die Regel: zwei Schritte vor, einer zurück. Und darüber hinaus - ein sehenswerter Film, dessen Geschichte man auch so erzählen könnte: Noel liebt Paul, den besten Freund ihres Bruders Tip. Vielleicht will sie Tip auch nur beweisen, dass sie nicht länger nur die kleine Schwester ist. Vielleicht will sie auch nur auprobieren, wie das ist: jemanden bekehren. Und morgen, ja, morgen ist vielleicht ohnehin alles ganz anders. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.10.2003)

Von
Claus Philipp

24.10., Gartenbau, 23.00

28.10., Urania, 16.00

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