Uneins mit sich selbst

22. Oktober 2003, 19:14
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Junges deutsches Kino bei der Viennale - ein Einzelfall: Sören Voigts zweiter Spielfilm "Identity Kills"

Amtlich festgelegte Identität, wie sie in einem Ausweis stehen könnte - Name: Karen Lohse, Alter: Anfang zwanzig, Wohnort: Berlin. Dagegen steht Karen, wie sie im Film auftritt: als nervöse Passantin im Getümmel, als unentschlossene Kundin in einem Warenhaus, als frisch entlassene Klinikpatientin oder als Bewerberin für einen Job in einer kleinen Besteckfabrik.

Sie sei doch, sagt die Personalchefin, für diese Art von Arbeit überqualifiziert. Karen, so scheint es hingegen, fühlt sich sicher hinter der schweren Maschine, deren Hebel sie bald darauf mit Gleichmut bedient. Später wird sie zufällig an den Anforderungen einer anderen Stellenausschreibung scheitern. Und in der Folge langsam damit beginnen, ihrer Umwelt Mittel und Versatzstücke für ein anderes Leben abzutrotzen.

Identity Kills, der zweite Spielfilm des jungen deutschen Regisseurs Sören Voigt, erinnert ein wenig an die Zusammenarbeit von Amos Kollek und Anna Thomson (Sue, u.a.). Voigt folgt seiner labilen Heldin mit wendiger Kamera auf ihren Wegen durch die Stadt, zur Arbeit, bis nach Hause, wo sie mit ihrem Freund Ben (Daniel Lommatzsch) und dessen aggressiver Gleichgültigkeit konfrontiert ist. Seine großartige Hauptdarstellerin Brigitte Hobmeier gibt Karen eine auf den ersten Blick zerbrechlich wirkende Gestalt und überrascht dann immer wieder durch plötzliche Entschlossenheit.

Dabei führt Identity Kills auch die Zuschauer immer wieder dezent aufs Glatteis. Szenen brechen immer wieder plötzlich ab. Zeit vergeht sprunghaft. Karens Unsicherheit legt in Bezug auf ihre Aussagen beständig auch eine gewisse Unglaubwürdigkeit nahe - oft genug stellt sich dann jedoch heraus, dass diese durchaus der Wahrheit entsprechen. Andere, weit wesentlichere Anzeichen für planmäßigen Identitätsverlust und Realitätsverweigerung bleiben auf diese Weise lange Zeit in Schwebe.

Das Ende kommt vor diesem Hintergrund so überraschend, wie es zwingend Karens Logik folgt: Identität tötet - nicht zuletzt die eigenen Träume. Die radikale Entscheidung für letztere fordert demnach Menschenleben ... (DER STANDARD, Printausgabe, 23.10.2003)

Von
Isabella Reicher

25.10., Urania, 21.00

26.10., Gartenbau, 13.00

  • Artikelbild
    foto: viennale
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