Ein Rausch, der aus der Kälte kam

29. Oktober 2003, 13:48
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Ein Ausnahmezustand: "Adebar/ Kubelka", ein Stück der Choreografin Christine Gaigg über Tanzen, Verzückung und strukturelle Strategien

Die Wiener Choreografin Christine Gaigg hat mit dem Filmemacher Peter Kubelka ein Stück über das Tanzen, die Verzückung sowie intra- und intermediale strukturelle Strategien geschaffen: "Adebar/ Kubelka" - ein Ausnahmezustand, der nun im Rahmen eines kleinen Film- und Tanz-Schwerpunkts der "Viennale" präsentiert wird.


Es geht um die Ekstase. "Essen ist reiner Tanz", sagt der Wiener Experimentalfilmer und Kochexperte Peter Kubelka. Im Tanz rührt der Mensch an seine Fähigkeit, sich aus der Stasis des statischen So-Seins in eine ekstatische Dynamik des Sich-Verwandelns zu beamen. In die Verzückung, einen rauschhaften Bewusstseinszustand. Die Wiener Choreografin Christine Gaigg bewundert die Art, wie Kubelka mit seinen Filmen ekstatische Momente erzeugt: "Durch eine Überlagerung von Medien."

Wer bei der Viennale Romuald Karmakars wunderbare Dokumentation 196 bpm gesehen hat und sich an den dritten Teil erinnert, der 50 Minuten lang frontal einen DJ am Werk zeigt, konnte die Strukturiertheit eines Ekstase-Animators genau beobachten: Auch der DJ erzeugt durch die Überlagerung mehrerer Medien rauschhafte Stimmungen. In dem Stück Adebar/Kubelka, das Christine Gaigg zusammen mit Kubelka, dem Musiker Max Nagl, dem Raum-Licht-Designer Philipp Harnoncourt und fünf Tänzern erarbeitet hat, nutzt die Choreografin ähnliche Mittel.

"Fünf Figuren tun auf der Bühne ganz verschiedene Dinge, das aber in einem wahrnehmbaren Rhythmus sowohl in der Bewegung als auch in den Wechseln zwischen verschiedenen Elementen. Das erzeugt eine mediative Wirkung." Eine Vorstufe der Ekstase. Der Filmemacher, Karmakars DJ und die Choreografin zeigen so die Konstruierbarkeit von Verzückung.

Kubelkas Film Adebar (1957) und Gaiggs Choreografie stehen in einem Dialog, bei dem beide Medien ihre Eigenständigkeit behaupten. Der Streifen ist von der Musik und vom Tanzen geprägt und das Stück Adebar/Kubelka von der filmischen Struktur des 69 Sekunden kurzen Meisterwerks. Kubelka montierte seinen ersten metrischen Film nach einem "System, das von musikalischer Organisation ausgeht", so Gaigg. Die Parameter dabei sind der Wechsel von Positiv und Negativ, Symmetrie im Aufbau, die Skulpturalität des Materials und eine bestimmte Basislänge der Einstellungen.

"Ich habe einen bestimmten Pool an Elementen herausgearbeitet", sagt Gaigg. "Es gibt etwa Zusammentreffen von Figuren - das ist (Menschen tanzen in einer Bar) auch Thema in Adebar -, und es gibt leicht gegeneinander verschobene rhythmische Elemente."

Die Positiv-Negativ-Struktur im Film findet im Stück ihr Pendant in der Beleuchtung von oben und von unten durch einen Plexiglasboden. Während Christine Gaigg enthusiastisch über die technischen Details ihrer Arbeit spricht, wird klar, warum sie diese Arbeit nicht einfach "Tanzstück", sondern "choreografische Sequenz" nennt.

Wie bei Kubelka das kalte technische Medium Film den sensuellen Bildinhalt schneidet und so visuelle Ekstasen erzeugt, strukturiert der rationale Formalismus der Choreografie bei Gaigg die sinnlichen Präsenzen der Tänzer. Die Strategie erinnert an Merce Cunningham. Im Gegensatz zum Filmer hat die Choreografin kein Material in den Händen. Im Verhältnis zum Film ist der Tanz virtuell. Das ephemere, nicht reproduzierbare Medium setzt sich bei Adebar/ Kubelka mit dem "skulpturalen" (Kubelka) projizierten Medium in Beziehung.

Die Entwicklung der Choreografie war, sagt Gaigg, ein langer Prozess voller Hürden, währenddessen die verschiedensten Bezugsmuster getestet wurden. "Der große Unterschied ist", merkt sie an, "dass der Filmer filmt, später auswählt und dann montiert. Im Gegensatz dazu arbeite ich im gesamten Probenprozess mit lebendigen Individuen."

Die Nähe zum Film ist der 1960 in Linz geborenen Choreografin in die berufliche Wiege gelegt. Mit 19 begann sie bei einer Wochenzeitschrift als Filmkritikerin, sie hätte beinahe Film studiert, nennt als wichtigste Einflussfaktoren Godard und Bresson. In Amsterdam absolvierte sie eine Tanzausbildung, in Wien studierte sie Philosophie.

Seit 1991 choreografiert sie Stücke für ihre 2nd Nature Dance Group, dabei hat sie ab 1997 eine wichtige methodische Wende weg von Theater und Improvisation hin zu strukturell orientierter Choreografie vollzogen. Dabei ist es geblieben. "Alle Lösungen, die wir in Kubelka/Adebar fanden, haben nichts mit Theaterkonventionen zu tun", sagt Gaigg, die am Wiener Institut für Theaterwissenschaft Seminare über Tanz hält. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.10.2003)

Von
Helmut Ploebst

"Kubelka/Adebar",

23. 10. bis 26. 10
, TQ im Museumsquartier, Halle G,
20.30

Vortrag des Theater- und Literatur- Wissenschafters Nikolaus Müller-Schöll "Zur Teilung von Zeit, Raum und Sprache in der gegenwärtigen Film- und Performance-Praxis",
24. 10., 18.30
TQW/Studios

Peter Kubelka spricht im Filmmuseum über "Tanz: Film",
27. 10., 19.00
Wiederholung der Filmbeispiele:
28. 10., 19.00

  • "Adebar"
    foto: filmmuseum

    "Adebar"

  • Christine Gaigg
    foto: johannes kittel

    Christine Gaigg

  • Artikelbild
    foto: viennale
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