Amerika und Auflösungserscheinungen

24. Oktober 2003, 14:17
posten

Vom Dokumentarischen zum Experimentellen: Neun neue Kurzfilme aus Österreich

Monument Valley, die Golden Gate Bridge, Hollywood oder die Windmühlen nahe von Palm Springs: Der junge heimische Filmemacher Niki Lerch hat verwackelte Bilder der USA aus dem Autofenster aufgenommen, während einer Reise an der Westküste entlang gen Süden.

One Year Later - Interviews und Radio ist ein Lokalaugenschein, in dem die Folgen der Anschläge auf das WTC nur auf der akustischen Ebene präsent sind. Im Radio werben Stimmen mit marktschreierischen Slogans für die jüngsten Bestseller zur Lage. Die Interviews, die Lerch mit Einzelpersonen führte und die über Schwarzkader nur in Textauszügen sichtbar werden, zeichnen indes ein anderes Bild: Disparate Stimmen aus dem Volk, in denen Skepsis gegenüber dem "War against Terror" überwiegt.

In Carola Dertnigs A Room With a View in the Financial District, der wie One Year Later auf der Viennale im Rahmen eines Programms neuer heimischer Kurzfilme läuft, sind dagegen Fotoansichten aus dem WTC zu sehen, welche die Künstlerin im Rahmen eines New-York-Stipendiums im Juni 2001 sammelte: Verwaiste Räume voller Kabel-und Essensreste, die New-Economy-Firmen nach ihrem Auszug hinterlassen haben.

9/11 kommt bei Dertnig mit keinem Wort vor, in ihrer Voiceover geht es vielmehr um Power-Yoga oder die (mangelhaften) Sicherheitsvorkehrungen im Gebäude - die Bilder wirken jedoch wie ein Menetekel für das Kommende.

Andere Arbeiten des Programms wählen weniger dokumentarische als experimentelle Ansätze: Linda Christanell dient in Picture Again eine Autoszene aus Billy Wilders Film noir Double Indemnity (mit Barbara Stanwyck und Fred MacMurray) als Ausgangspunkt für eine stumme Serie aus Überblendungen und Überlagerungen; Straßenszenen, dämonische Vögel auf rotem Himmel und das Hollywood-Bild fügen sich in mehreren Durchläufen zu einer atmosphärisch düsteren, unheilschwangeren Assoziationskette zusammen.

Mehrere Videos unterziehen Found Footage einem Auflösungsprozess: Siegfried A. Fruhauf beschleunigt in Structural Filmwaste. Dissolution 1 Filmreste auf einer geteilten Leinwand vom Flicker-Effekt bis in die Abstraktion eines digitalen Bildes. Johannes Hammel liefert wiederum in Die Badenden den Urlaubsfilm eines Ehepaars, untermalt von Easy-Listening-Klängen, einer materiellen Zersetzung aus, bis das Bild hinter der blasenwerfenden Oberfläche verschwindet.

Neben Arbeiten von Johann Lurf, Kurt A. Pirk und Klub Zwei besticht Neon von Nik Thoenen und Timo Novotny durch seine Schlichtheit: Sie nutzen das zufällige Flackern von Leuchtstoffröhren, um daraus eine Art Lichtorgel für Wolfgang Schloegls elektronische Musik zu bauen. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.10.2003)

Von
Dominik Kamalzadeh

Im Stadtkino:
23.10., 20.30
25.10., 23.00
  • Artikelbild
    foto: viennale
Share if you care.