Der Umweg zur Wahrheit

22. Oktober 2003, 19:02
posten

Video noir: "Der gläserne Blick" des österreichischen Regisseurs Markus Heltschl

Video noir: "Der gläserne Blick" von Markus Heltschl schickt einen Kommissar mit Midlifecrisis auf Spurensuche nach einem geheimnisvollen Todesfall - unbekannte Schöne inklusive.


Es hätte ein ruhiger Tag am Meer werden sollen: Ein Kommissar (Miguel Guilherme) führt seine kleine Tochter zum Eisessen aus. Dann wird am Strand ein unbekannter Toter gefunden. Und Polizisten sind bekanntlich immer im Dienst ... Ausgehend von diesem Ereignis breitet der österreichische Regisseur Markus Heltschl also in seinem Spielfilm Der gläserne Blick, der bei der Viennale seine Österreich-Premiere hat, eine verschlungene Erzählung aus, die in Lissabon angesiedelt ist und in der sich zwischen die Bilder des Films unablässig andere Bilder schieben:

Unweit des Fundorts des Toten findet der Kommissar dessen Auto. Und eine Videokamera mit einer Kassette, auf der seltsame Episoden aufgezeichnet sind: Ein geheimer Beobachter hat hier offenkundig zwei Frauen nachgestellt.

Eine davon, eine junge Touristin aus Frankreich (Sylvie Testud), spürt der Polizist wenig später in einem Hotel auf. Sie versucht zu flüchten. Er fängt sie wieder ein. Und was zunächst noch ein düsterer Krimi hätte werden können, entwickelt sich bald zu einem gewundenen Filmrätsel, bei dem das angespannte - und entlang klassischer Rollenverteilungen organisierte - Verhältnis der beiden Hauptfiguren mehr und mehr in den Vordergrund rückt:

Der Polizist, ein Mann in der Midlifecrisis, der die Trennung von seiner Ehefrau und vor allem von seiner kleinen Tochter scheint's nicht verwinden kann, verstrickt sich in zunehmend obsessiver Weise in den Fall. Und er überschreitet dabei seine Befugnisse, übernimmt die Rolle des Toten, dessen Videovermächtnis ihm gewissermaßen Handlungsanweisungen im Umgang mit der geheimnisvollen Fremden liefert - sie in Verkleidungen und zum wiederholten Durchspielen vergangener Episoden zwingt.

Die junge Touristin, deren Vorgeschichte weit gehend im Dunklen bleibt, fährt gegenüber seinen Attacken und Einschüchterungsversuchen ein Programm der Verweigerung und des Sich-Entziehens, das ihren Widersacher jedoch noch stärker herausfordert, ihr zu zeigen, wer hier die Hosen anhat.

Der gläserne Blick ist dabei zum einen virtuos gefilmt (Kamera: Christian Berger). Vor allem die Videosequenzen entwickeln eine traumwandlerisch entrückte Stimmung. Der meist eng gehaltene Bildrahmen - dass ein Kinobesuch zu einer Aufführung von Robert Bressons Pickpocket führt, ist kein Zufall - fragmentiert die Erzählung noch zusätzlich.

Zum anderen sind jedoch der verhaltene Widerstand der jungen Frau und das anmaßende Auftreten des Kommissars sowie die "Mann richtet Frau nach seinen Fantasien her"-Thematik zunehmend schwerer zu ertragen. Das Krimirätsel wird dann allerdings doch noch gelöst, und am Ende werden auch in diesem Film über Blicklust die Augen geschlossen. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.10.2003)

Von
Isabella Reicher

27.10., Urania, 21.00

28.10., Metro, 13.30

30.10., Metro, 13.30

  • Artikelbild
    foto: viennale
Share if you care.