Strategien für eine gesunde Zukunft

27. Oktober 2003, 17:34
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Gibt es ein überlegenes Gesundheitssystem? Ein internationaler Vergleich der praktizierten Systeme gibt Teilantworten, löst aber nicht den gordischen Knoten

Wir schreiben das Jahr 2040, die durchschnittliche Lebenserwartung einer Österreicherin liegt bei 92 Jahren, eines Österreichers bei 88 Jahren. Die meisten Leser dieses Artikels gehören nun zur Gruppe der 2,8 Millionen Österreicher über 60, und ca. 650 000 oder 23 % von ihnen sind Pflegefälle. 100 Erwerbstätige versorgen 65 Pensionisten, gegenüber 2000 entspricht dies einer Steigerung von 91 %. Der österreichische Staat gibt alleine 1,5 % des BIP für das Bundespflegegeld aus.

Die öffentlichen Gesundheitsausgaben sind in den letzten 40 Jahren um ca. 150 % gestiegen. Die privaten Gesundheitsausgaben machen bereits über 40 % der gesamten aus. Diese Zahlen beinhalten noch nicht die privaten und öffentlichen Aufwendungen für den Pflegebereich.

Die Altenpflege wird immer mehr zur Aufgabe des Staates. Schon in den Jahren von 1997 bis 2002 stiegen die Gesundheitsausgaben jährlich um 4,3 %, während das österreichische BIP nur um 3,4 % zulegte. Das österreichische Mischsystem mit Sozialversicherung und staatlicher Defizitabdeckung gab 7,9 % des BIP, ohne Pflege und Defizitabdeckung für die Krankenanstalten, für Gesundheit aus. Zu diesem Zeitpunkt lag der österreichische Gesundheitsniveau-Score, der die Gesundheit von Bevölkerungen vergleicht, bei 102 (EU-Durchschnitt = 100).

Systemvarianten

Welche Alternativen zum österreichischen Gesundheitssystem und seiner Finanzierung hätte es retrospektiv im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts geben können? 1.) Staatliches Gesundheitssystem. Beispiel Großbritannien: Das National Health Service schien auf der makroökonomischen Ebene sehr effizient, Großbritannien gab 2001 7,2 % des BIP für Gesundheit aus, die Infrastruktur wurde allerdings kaputtgespart. Das Gesundheitsniveau der Engländer war mit einem Score von 98,2 leicht unterm EU-Durchschnitt.

2.) Privates Gesundheitssystem. a) Beispiel USA: Im Jahr 2000 gab es ein privates Gesundheitssystem auf Basis einer individuellen privaten Krankenversicherung, die teilweise auch von Unternehmen für ihre Mitarbeiter abgeschlossen wurden. Es bestand keine Versicherungspflicht, für Mittellose gab es Hilfsprogramme im Rahmen der Sozialhilfe. Dies führte zu einer vermögensabhängigen medizinischen Versorgung, und das System war das teuerste zu diesem Zeitpunkt praktizierte. Die USA gab 2001 13,7 % des BIP für Gesundheit aus, der Gesundheitsniveau-Score betrug 86. b) Beispiel Schweiz: 2000 gab es ein privates Gesundheitssystem mit Versicherungspflicht und gesetzlichen Reglementierungen des Krankenversicherungssektors. Dennoch wurden von den Privatversicherern Risikostratifizierungen der Patienten durchgeführt, dementsprechend musste jeder privat für Gesundheitsleistungen zahlen. Die Schweizer gaben 2001 10,4 % des BIP für Gesundheit aus. Mit einem Gesundheitsniveau-Score von 97 lag die Schweiz knapp hinter Großbritannien.

3.) Basisversorgungssystem. Beispiel Frankreich: Hier wurde die Basisversorgung durch gemeinnützige Privatversicherungen mit individuellen Beitragsleistungen abgedeckt. Bei teuren Gesundheitsleistungen übernahm aber der Staat die Kosten. Frankreich gab 2001 9,3 % des BIP für Gesundheit aus, der Gesundheitsniveau-Score betrug 109.

Der internationale Vergleich anhand der OECD-Daten ergibt, dass es kein überlegenes System gibt und dass unseres derzeit, was die Kosten und Leistung betrifft, im Mittelfeld liegt. Es besteht allerdings eine starke Dynamik der Kostensteigerung. Auf diese muss reagiert werden, wollen wir 2040 nicht die obigen Prognosen von einer Abgabenquote weit über 50 %, beruhend auf dem mittleren demografischen Prognosemodell der Statistik Austria, Realität werden lassen.

Die wichtigste Strategie am Beginn einer Reform müsste die Entwicklung nationaler Gesundheitsziele und die rasche Findung von Grundsatzentscheidungen sein. Gesundheitsförderung und Prävention sollten dabei in den Vordergrund rücken. Denn ein effizientes Vorsorgesystem ist das tragfähigste Fundament für gesundes, individuelles Altern und die Finanzierung des Gesundheitssystems. (Michael Tripolt/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 10. 2003)

Dr. Michael Tripolt ist Assis- tenzarzt für Chirurgie an der KFU Graz und absolviert der- zeit das Postgraduate-Studium Public Health ebenda.
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