Die "süße Frucht" des Alterns

27. Oktober 2003, 17:34
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Altersforscher Leopold Rosenmayr im Gespräch mit Doris Priesching

STANDARD: Kann man heute noch in Würde alt werden? Die Umstände scheinen angesichts Pensionsdebatte und Pflegeskandal nicht gerade günstig.

Rosenmayr: Ich sehe die Zukunft nicht so düster. Erstens sind im letzten Jahrzehnt nach der Pension angesichts steigender Lebenserwartung mehr als zwei Jahre dazugekommen. Damit verbunden ist auch, dass in der Spätlebensphase unter älteren Menschen Zielsetzungen und Eigeninitiative potenziell vorhanden sind. Ein Viertel aller Menschen in Europa fängt im Ruhestand etwas Neues an. Außerdem hat sich die gesunde Lebenserwartung in den Jahren ab 65 deutlich erhöht. Das ist so eine Art süße Fruchthülle, es bleibt aber der bittere Kern der Pflegebedürftigkeit, meist sehr spät im Leben.

STANDARD: Wie wird sich Altenpflege in Zukunft organisieren?

Rosenmayr: Die Menschen werden selbst initiativ. Im zwölften Bezirk in Wien läuft zum Beispiel gerade eine Aktion, bei der sich verschiedene Pfarren und gemeinnützige Vereine zusammenschließen und Lebenshilfe für pflegende Angehörige geben. Daneben gibt es informelle Absprachen: Eltern, die zu Lebzeiten das Haus ihren Kindern überschreiben und dafür die Zusage der Pflege bekommen, falls sie sie brauchen. Solche Vereinbarungen werden immer wichtiger.

STANDARD: Die Jungen stehlen sich somit nicht aus ihrer Verantwortung den Älteren gegenüber?

Rosenmayr: Dass Ältere ins Pflegeheim abgeschoben werden, ist nicht das Hauptmuster. Ungefähr 80 Prozent aller Pflegefälle bleiben bis zum Schluss daheim. Es ist nur so, dass heutzutage manche keine Angehörigen haben, und das wird künftig zunehmen. Kinderlose können eben im späten Leben weniger Stützung erwarten.

STANDARD: Werden ältere Menschen aus Sicht einer sich über Leistung definierenden Gesellschaft nach und nach nur noch als Belastung betrachtet?

Rosenmayr: Im Moment ist das teilweise so, aber das ist nicht unkorrigierbar: Warum sind etwa die Medien nicht stärker darauf bedacht, an diesem Bild etwas zu verändern?

STANDARD: Weil die werberelevante Gruppe allgemein zwischen 14 und 49 Jahren angenommen wird?

Rosenmayr: Auf der Konsumseite ist es so, dass man - wenn auch oft mit sehr zweifelhaften Mitteln - bereits versucht, die Älteren anzusprechen.

STANDARD: Dabei gelten Senioren als optimistisch, interessiert und konsumfreudig. Wäre das nicht ausreichend Potenzial für einen Aufstand alter Frauen und Männer?

Rosenmayr: In Österreich ist die gesellschaftliche Selbstorganisation schwächer als in Deutschland oder Frankreich. Bei uns verlässt man sich noch zu sehr auf die Obrigkeit. Die eigene Wertigkeit entsteht zudem meistens dadurch, dass man selber aktiv wird. Der Anteil derer, die dementsprechend handeln, steigt. Das wiederum fördert den Mut zum Älterwerden.

STANDARD: Wird die öffentliche Hand dadurch entlastet?

Rosenmayr: Bis zu einem gewissen Grad sicher. Als Initialzünder bleibt sie weiterhin wichtig: zunehmend in Form von Zuschüssen.

STANDARD: Die informelle Ebene beinhaltet die Familie? Wie werden Frauen als kostenlos Pflegende betroffen sein?

Rosenmayr: Vier Fünftel der Altenpflege übernehmen Frauen. Dort gibt es sicher Probleme. Allerdings kommen in den nächsten 20 bis 25 Jahren die Babyboomer: Durch den Geburtenschub muss es nicht zu Einschränkungen in der Familienpflege kommen.

STANDARD: Eine Schwachstelle ist das professionelle Pflegesystem. Was ist passiert?

Rosenmayr: Das hat viele Ursachen. Vordergründig, weil die Altenpfleger schlecht bezahlt werden und gegenüber den diplomierten Krankenschwestern geringer geachtet sind.

STANDARD: Was wäre zu tun?

Rosenmayr: Man müsste natürlich die Pflegenden aufwerten und auch nachschulen. Schlimm sind die großen Räume in den Heimen. Die Sechsbettenzimmer sind eine Kulturschande. Dass man das anders machen kann, zeigen sowohl das Sophienspital als auch das Franz-Josef-Spital. Die Pflegesituation wird entlastet, wenn einerseits die Patienten eine bestimmte Distanz untereinander halten können, andererseits genauso Bezugsmöglichkeiten außerhalb des Pflegepersonals bestehen. Die Privatsphäre muss auch innerhalb des Pflegebetriebs geschützt bleiben. Das geht bis hin zu Sexualität und Spiritualität. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 10. 2003)

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