Lernprozess im Umgang mit Erregern

27. Oktober 2003, 17:34
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Impfungen sind ein effektiver Schutz vor zahlreichen schweren Infektionskrankheiten - dennoch wird diese Form der Gesundheitsvorsorge in Österreich noch viel zu wenig genützt

Schutzimpfungen gehören zu den wirksamsten präventiven Maßnahmen, die in der Medizin zur Verfügung stehen. Wer geimpft ist, kann in der Regel vor der entsprechenden Krankheit geschützt werden. Außerdem können Krankheiten, die nur von Mensch zu Mensch übertragen werden, bei einer anhaltend hohen Durchimpfungsrate eliminiert werden. Allerdings gibt es in Österreich trotz intensiver Aufklärungsarbeit immer noch gravierende Impflücken.

Viel zu wenig in Anspruch genommen wird der Schutz gegen Influenza. Bei diesen Infektionen handelt es sich um schwere Atemwegserkrankungen, die besonders bei älteren Menschen zu einer Erhöhung der Sterblichkeit führen. Die Impfung sollte wegen der ständigen Mutation des Virus jährlich erneuert werden. "Insbesondere ältere, kranke und im medizinischen Bereich tätige Menschen, Schwangere, Säuglinge sowie deren Betreuungspersonen sollten unbedingt gegen Influenza geimpft sein", meint Heidemarie Holzmann, Professorin am Institut für Virologie der Universität Wien. "Aber auch für alle anderen ist es nur von Vorteil, sich gegen diese gefährlichen Viren zu schützen."

Ein beträchtliches Defizit ortet die Virologin auch bei der Pneumokokken-Impfung. Pneumokokken verursachen bei Säuglingen und Kleinkindern schwere Erkrankungen wie Blutvergiftung, Hirnhaut-, Lungen- oder Mittelohrentzündung. Bei älteren Menschen führen Pneumokokken-Infektionen häufig zu Atemwegserkrankungen. Aus diesem Grund wird die Impfung nicht nur für Säuglinge und Kleinkinder, sondern auch für Senioren ab dem 60. Lebensjahr empfohlen.

Tödliche Folgen

Weltweit sterben etwa eine Million Menschen an den Folgen einer vom Hepatitis B-Virus verursachten Zirrhose oder durch Leberkrebs. "Um diesem gefährlichen Virus endgültig den Boden zu entziehen, ist die Hepatitis-B-Impfung nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene dringend zu empfehlen", rät Heidemarie Holzmann. "Auch bei den Masern haben wir noch keine so hohe Durchimpfungsrate erreicht, um das Virus auszurotten." So wurde als Folge von Masern zwischen 1997 und 2003 am Wiener Institut für Virologie bei zehn Kindern eine "subakut sklerosierende Panenzephalitis (SSPE)" diagnostiziert, die den langsamen Verlust aller Hirnfunktionen hervorruft und tödlich ist.

Gegen Keuchhusten (Pertussis) werden Säuglinge bereits mit zwei Monaten geimpft. Da allerdings die Zahl der an Pertussis erkrankten Erwachsenen in den letzten Jahren zugenommen hat, wird im neuen Impfplan eine Auffrischungsimpfung in Zehn-Jahres-Intervallen empfohlen. Sie bietet auch den effektivsten Schutz. In mehreren Studien konnte übrigens nachgewiesen werden, dass häufig nicht geschützte Erwachsene die Infektionsquelle für Neugeborene in den ersten Lebenswochen sind.

Bei der Vielzahl der angebotenen Impfungen stellt sich die Frage, ob man nicht auch in diesem Bereich übertreiben kann. "Man kann nicht überimpfen", beruhigt der Infektiologe Christoph Wenisch von der Grazer Medizinuniversität. "Wir leben ja ständig mit Viren und Bakterien in Kontakt. Eine Impfung ist für unser Immunsystem nichts anderes als ein Lernprozess, mit dem Erreger so umzugehen, dass er uns nichts anhaben kann. Im Grunde ist es eine Intensivierung unserer Beziehung zur Natur." Was aber, wenn diese Beziehung gestört ist und die Impfung schadet statt schützt? "Ob eine Impfung schadet, hängt aber allein vom Patienten ab. Ist sein Immunsystem etwa nach einer Organtransplantation oder HIV stark geschwächt, sollte nicht oder nur unter strengster Überwachung geimpft werden."

Möglich sind auch allergische Reaktionen auf Begleitstoffe, die in schlimmen Fällen sogar zu massiven Atemstörungen und Blutdruckabfällen führen können. Um dieses geringe, aber doch vorhandene Risiko zu minimieren, sollte man nach einer Impfung möglichst eine Zeit lang noch unter ärztlicher Kontrolle bleiben. (Doris Griesser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 10. 2003)

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