Therapieforschung und Früherkennung

27. Oktober 2003, 17:34
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Neurologische Erkrankungen sind schwierig zu diagnostizieren

Neurologische Erkrankungen sind jene des zentralen Nervensystems und/oder der peripheren Nerven. Die bei weitem häufigste ist der Schlaganfall. Allein in Österreich erleiden an die 20.000 Menschen jährlich einen Gehirnschlag, 15 Prozent davon sterben bereits innerhalb des ersten Monats, rund die Hälfte in den folgenden fünf Jahren.

Mit der steigenden Lebenserwartung der Bevölkerung nehmen auch neurodegenerative Erkrankungen wie Morbus Alzheimer oder Morbus Parkinson stetig zu. Fünf Prozent aller Menschen über 65 und ein Viertel der Über-85-Jährigen leiden an Morbus Alzheimer, der häufigsten Ursache von Demenz. Neurologische Erkrankungen, die bereits in jüngeren Jahren auftreten, sind etwa Multiple Sklerose und die Gruppe der Epilepsien. Verständlich, dass man sich auch für diese Krankheiten jährliche Vorsorgeuntersuchungen nach dem Muster etwa der Mammografie wünscht: "So einfach geht das in der Neurologie aber nicht! Da muss schon ein klinischer Grund vorhanden sein, um einen Test zu machen", meint Gernot Schnaberth, Vorstand des Neurologischen Zentrums Rosenhügel in Wien.

Allerdings gebe es auch Ausnahmen wie etwa den Schlaganfall. Um dieser häufigen Erkrankung vorzubeugen,, sollte jeder Mensch ab den mittleren Jahren regelmäßig seinen Blutdruck, die Herzfunktion, den Fettstoffwechsel etc. untersuchen lassen. Eine wesentliche Rolle spielt gerade beim Schlaganfall die Primärprophylaxe: "Eigentlich", so Schnaberth, "sollte man schon in der Schule lernen, welchen Einfluss Alkohol, Nikotin, Bewegungsmangel und falsche Ernährung auf die Gefäße haben!"

Wer in seiner zunehmenden Vergesslichkeit ein mögliches Frühsymptom der Alzheimerschen Krankheit befürchtet und auch beim entsprechenden Gedächtnistest ein unklares Ergebnis liefert, kann sich in Speziallabors bzw. Neurologischen Kliniken mittels EEG, Computertomografie, Magnetresonanz-Untersuchung (MR) und einer Isotopenuntersuchung, der so genannten Single Photon Emission Computed Tomography (SPECT), durchtesten lassen.

Die Sicherheit dieser Untersuchungen liegt zwischen 80 und 90 Prozent. Bestätigt sich die Diagnose, kann die Krankheit zwar nicht geheilt, durch neue Medikamente, gezieltes Gedächtnistraining und strukturierte Tagesbetreuung jedoch deutlich gemildert werden. "Es gibt zwar die Möglichkeit, mit subtilen Methoden und sorgfältiger Diagnostik neurologische Erkrankungen in einem frühen Stadium zu erfassen. Dennoch fragt man sich, welche Rolle Früherkennung bei einer Krankheit spielt, für die es bislang keine Heilung gibt", bringt die Neurologin Hannelore Ehrenreich vom Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin in Göttingen das Problem auf den Punkt. Fazit: "Therapieforschung ist hier derzeit sicher wichtiger als Früherkennungsforschung."

Verlangsamter Verlauf

Eine der häufigsten Erkrankungen des Nervensystems ist die Parkinson-Krankheit. Sie ist nicht heilbar, mit modernen Medikamenten kann man ihren Verlauf aber deutlich verlangsamen. Der erste Schritt zur Früherkennung ist eine klinisch-neurologische Untersuchung: "Parkinson erkenne ich aus dem klinischen Gesamteindruck - wie der Patient spricht, sich bewegt, Dinge des Alltags verrichtet etc.", erklärt Gernot Schnaberth. Besteht Zweifel an der Diagnose, wird eine Isotopenuntersuchung (SPECT) durchgeführt. Damit kann der Arzt erkennen, in welchen Gehirnregionen Dopamin fehlt und wie weit die Krankheit fortgeschritten ist. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Patienten ist durch eine Behandlung mit L-Dopa, meist in Kombination mit so genannten dopaminergen Substanzen, etwa so hoch wie die von gesunden Menschen.

Multiple Sklerose (MS) kann erst nach ein oder mehreren Krankheitsschüben diagnostiziert werden. Eine Früherkennung durch Bluttest ist in Entwicklung. Neben der Cortison-Behandlung im akuten Schub verbessert vor allem eine immunmodulatorische Therapie die MS-Prognose. Immerhin können mehr als zwei Drittel der Patienten ein weit gehend behinderungsfreies Leben führen. (Doris Griesser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 10. 2003)

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