"Wie ein defekter Automotor behandelt"

23. Oktober 2003, 19:28
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Behindert nach Operation: Eine junge Frau kämpfte sich in die "Normalität" zurück

"Alle Gesunden haben geglaubt, ich muss jetzt unglaublich deprimiert sein und ein ganz schreckliches Dasein führen. Aber ich konnte auch in der Zeit, wo ich behindert im Rollstuhl saß, lachen. Ich habe viele schöne Stunden erlebt - trotz meines Schicksals", erzählt Maria Rottensteiner dem STANDARD.

Vor drei Jahren wurde der damals 35-Jährigen ein kleiner Tumor an der Hirnanhangdrüse entfernt. Der eigentlich nicht besonders komplizierte Eingriff hatte verheerende Folgen: Rottensteiner ist schwerstbehindert, befindet sich körperlich am Entwicklungsstand eines fünf Monate alten Babys, kann weder sprechen, allein essen noch sich aus eigener Kraft im Bett umdrehen.

"Kaum jemand hat mit mir geredet"

Doch ihr Geist ist intakt geblieben, sie kann klar denken - was von manchen in ihrer Umgebung zunächst gar nicht wahrgenommen wurde. Das Gefühl, entmündigt zu werden, als minderwertig zu gelten, schmerzt: "Kaum jemand hat mit mir geredet, sondern nur mit meinem Mann", erinnert sich Rottensteiner. Das Gefühl, im Krankenhaus großteils wie ein defekter Automotor behandelt zu werden, entstand. Noch mehr machte ihr das Mitleid zu schaffen, auf das sie stieß ("es fügt dem Leid zu, dem es entgegengebracht wird"). Doch mit negativen Gedanken wollte sich Rottensteiner nicht belasten, "das kostet Kraft" - deswegen unterließ sie auch eine Klage gegen den Chirurgen. Außerdem: "Ärzte decken immer Ärzte", meint sie heute achselzuckend.

Die Aussicht, schwerbehindert im Pflegeheim zu landen, wollte die zweifache Mutter nicht akzeptieren. Sprüche wie "Das wird schon wieder" und gute Ratschläge empfand sie in dieser Zeit als kontraproduktiv. Sie wünschte sich echte Gefühle - auch wenn es Tränen von Besuchern waren - und positive Unterstützung. So schnell wie möglich stürzte sie sich in die "beinharte Arbeit" der Rehabilitation, unterstützt von einem überaus engagierten Ehemann, einem festen Glauben an sich und an Gott. So viel wie möglich versuchte die Steirerin selbst zu tun, auch wenn ihre rechte Seite gelähmt ist, sie zunächst nicht einmal sitzen konnte und Sehprobleme hatte.

Disziplin

"Ganz wesentlich war die Vorstellung von mir als gesunder Mensch", sagt sie rückblickend. Sie lernte gehen, sprechen, schreiben, sogar wieder problemlos sehen. Ihre Umgebung traut ihr oft viel weniger zu. Und immer wieder das Problem: "Ich muss etwas beweisen, woran es mir gar nie gemangelt hat: dass ich klar denken kann." Vor dem Eingriff war sie sportlich, fünf lange Therapiemonate später begibt sie sich erstmals wackelig auf eine Skipiste.

Typisch für sie: Immer wieder geht sie Risken ein, überwindet mit eiserner Disziplin Hürden. Ein halbes Jahr nach der Operation kehrt Rottensteiner an ihren früheren Arbeitsplatz, das Hilfswerk Steiermark, zurück, berät in Teilzeit Tagesmütter, ist dort sogar Betriebsrat.

Kleinere physische Schwächen sind geblieben, etwa Gleichgewichtsprobleme, die sie offenbar mit Humor nimmt: "Stelzengehen werde ich wohl nicht mehr." Um das Erlebte aufzuarbeiten, schrieb sie ein Büchlein in Mini-Auflage, das vor rund einem Jahr vom Hilfswerk veröffentlicht wurde. Einige wenige Restexemplare sind bei der Autorin noch bestellbar. maria.rottensteiner@utanet.at (DER STANDARD; Printausgabe, 22.10.2003)

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