Kommentar: Friedensdividende

24. Oktober 2003, 18:49
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Die Metallindustrie hält anscheinend mehr von der Sozialpartnerschaft als die Regierung - Von Luise Ungerboeck

Offenbar ist den Unternehmern der Metallindustrie der aufgrund der politischen Situation gefährdete soziale Frieden mehr wert als der Wenderegierung. Der kräftige Lohnabschluss der Metaller von Montagnacht legt diesen Schluss jedenfalls nahe. Denn der mit 2,1 Prozent deutlich über der Teuerungsrate liegende Abschluss lässt relativ hohe Bruttoreallohnsteigerungen zu, was die Kaufkraft stärken sollte.

Ohne die so genannte Verteiloption, die es Unternehmern erlaubt, 0,6 Prozent der Lohnsumme innerbetrieblich zu verteilen, wäre die diesjährige Herbstlohnrunde tatsächlich ein Triumph der Gewerkschaft geworden. So aber erhalten Konzerne wie Voest und Böhler-Uddeholm die stets geforderte Flexibilität, sie brauchen die Tarife nur um 1,8 Prozent zu erhöhen, was volkswirtschaftlich als zumutbar eingestuft werden kann.

Auffällig ist am diesjährigen Abschluss, dass Ist- und Kollektivvertragslöhne im gleichen Maße angehoben werden. Was für Metallgewerkschaftschef Rudolf Nürnberger ein technischer Vorgriff auf das gemeinsame Entlohnungsschema für Arbeiter und Angestellte ist, kann auch als "Zuckerl" gesehen werden, das kommende Einbußen versüßen soll.

Für Betriebsabwanderungen, wie sie Böhler-Chef Claus Raidl im STANDARD-Gespräch prophezeit, besteht jedenfalls nicht mehr Anlass als zuvor. Denn es ist zwar richtig, dass die Metallindustrie eine hohe Exportquote aufweist und von der Binnenkaufkraft kaum profitiert. Eine Drosselung der Investitionen wird der Abschluss dennoch nicht verursachen, sind darunter doch qualitative Verbesserungen zu verstehen, die die Produktivität erhöhen - und die Einsparung von Mitarbeitern erlauben. Vielmehr dürfte es sich hier um das Ritual eines betroffenen Beobachters handeln, der nur fernmündlich mitverhandeln will. (DER STANDARD Printausgsabe, 22.10.2003)

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