Mitleid ist nicht angebracht

23. Oktober 2003, 19:28
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Akzeptanz statt Mitleid: Das wünschen sich Menschen mit Handicap - Von einem Gleichbehandlungsgesetz erhoffen sie sich "Antidiskriminierung" - Mit Grafik

Akzeptanz statt Mitleid: Das wünschen sich Menschen mit Handicap - nicht nur im Jahr der Behinderten. Von einem Gleichbehandlungsgesetz erhoffen sie sich "Antidiskriminierung". Martina Salomon sprach mit Betroffenen.

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Gelegentlich platzt dem Wiener Schriftsteller Erwin Riess der Kragen. Zum Beispiel, wenn der Behindertenparkplatz von einem Nichtbehinderten blockiert wird und der Betroffene unbekümmert meint: "Wir spenden doch eh dauernd für euch." Rollstuhlfahrer Riess wehrt sich seit langem gegen das Image der "armen Hascherln", das die gerade anrollende "Licht ins Dunkel"-Maschine in Penetranz erzeugt.

Es gibt unausrottbare Stereotype, etwa der dumme Stehsatz "an den Rollstuhl gefesselt". Oder die schlechte Angewohnheit, Behinderte selbst als Erwachsene nur mit Vornamen anzureden.

Das "Europäische Jahr der Menschen mit Behinderung 2003" soll solche Klischees, entmündigendes Verhalten und Ängste im Umgang mit gehandicapten Personen abbauen helfen. Leitsatz: "Behindert ist, wer behindert wird." Die Hürden sind vielfältig: bauliche Barrieren, entmündigendes Verhalten der Umwelt, Probleme bei der Integration im Bildungs- und Arbeitsmarkt.

Akzeptanz und nicht Mitleid

Akzeptanz und nicht Mitleid - das wünschen sich behinderte Menschen und auch deren Eltern. Margit Brunnthaler, Mutter eines achtjährigen Sohnes mit linksseitiger spastischer Lähmung, ist oft zornig, wenn das körperliche Handicap ihres Kindes von Mitmenschen bagatellisiert wird: "Ist ja nicht so schlimm, man sieht es fast gar nicht", hört sie von "Gutmeinenden". "In welcher Gesellschaft leben wir, in der wir Behinderungen nicht mehr sehen dürfen?", fragt sie.

Wer ein behindertes Kind aufzieht, muss nicht nur lernen, es in seiner Unvollkommenheit anzunehmen, sondern auch, es vor Attacken von außen zu schützen. Kurz nach Schuleintritt gab es massive Probleme mit David: Er wurde von Mitschülern verspottet, zog sich immer mehr zurück. Mithilfe der Lehrerin ist dies Vergangenheit. Andere Ärgernisse bleiben. "Der Arme", sagen "mitfühlende" Menschen über David. Aber sie sehen "Probleme, die wir gar nicht haben", so die Mutter. David lernte beispielsweise, sich "einhändig" anzuziehen. Seine Mutter hat das Kinderbuch "Was ist bloß mit Felix los?" geschrieben, das mit Unterstützung von Sponsoren veröffentlicht werden soll und derzeit für ein steirisches Schulprojekt eingesetzt wird. Geschichten aus dem wahren Leben: Der Titelheld hat es satt, sich für sein Handicap ständig rechtfertigen zu müssen, und wird von anderen aus Unwissenheit gehänselt. Es gehe um gegenseitiges Verständnis, sagt die Autorin.

Jeder zehnte Europäer hat eine oder mehrere Behinderungen

Ungefähr jeder zehnte Europäer hat eine oder mehrere Behinderungen, 24.000 Österreicher sitzen im Rollstuhl. Sie haben einen Traum: Auch in Österreich sollte es ein Antidiskriminierungsgesetz nach dem Vorbild der USA geben. Und sie haben einen Albtraum: dass das Pflegegeld in einen an Institutionen und Einkommenshöhe gebundenen "Betreuungsscheck" umgewandelt wird, wie es die SPÖ forderte.

Rollstuhlfahrer Riess hält das vor zehn Jahren eingeführte Pflegegeld für vorbildlich, den Titel aber grundfalsch: Es gehe keineswegs um die Pflege Kranker, sondern um einen Zuschuss für individuelle Assistenzleistungen, die Behinderte im Alltag brauchen.

Vermögende Behinderte könne man ohnehin mit der Lupe suchen. "Wir zahlen für alles wesentlich mehr", sagt Riess: weil im Auto zum Beispiel der Einbau einer Handschaltung nötig ist oder im Urlaub nur mindestens Viersternehotels (mit Lift) gebucht werden können. Der promovierte Politikwissenschafter Riess lebte 24 Jahre lang "normal". Ein Tumor im Rückenmark löste die Lähmung aus. Am 25. 11. wird sein Stück "Der Zorn der Eleonore Batthyány" (dietheater) uraufgeführt. Ein Stück, bei dem Rollstuhlfahrerin Cornelia Scheuer die Hauptrolle spielt, ohne dass Behinderung ein Thema ist. "Behinderte dürfen sonst immer nur Behinderte spielen", sagt Riess. Er ist erst seit 1994 Schriftsteller, davor war er im Wirtschaftsministerium in der Wohnbauforschung tätig - Schwerpunkt "barrierefreies Wohnen". Seit 1987 reist er regelmäßig nach New York.

Antidiskriminierungsgesetz

In den USA habe das Antidiskriminierungsgesetz mit seinem einklagbaren Rechtsanspruch ab 1991 beispielsweise dazu geführt, dass innerhalb weniger Jahre alle Busse für Rollstuhlfahrer zugänglich sind, berichtet er. Und jeder kleine Greißler habe eine Rampe statt Stufen. In Österreich hingegen seien bis zu achtzig Prozent der Geschäfte nicht barrierefrei zugänglich.

"Da kann ich nicht rein", sagt Riess trocken zum ursprünglich vom STANDARD vorgeschlagenen Treffpunkt, einem Café in der Wiener Herrengasse. Selbst bei Neubauten herrsche oft Gedankenlosigkeit - übrigens mit teuren Folgekosten, weil man im Falle von Behinderung oder Krankheit dann nicht mehr allein daheim leben kann. Die Wiener Bauordnung schreibt Barrierefreiheit vor - aber das ist eine Empfehlung, keine Verpflichtung. Ein Problem, das auch kinderwagenschiebende Eltern zu spüren bekommen.

Die Regierung hat heuer einen Behindertenbericht vorgelegt. Bis Jahresende ist ein "Behindertengleichstellungsgesetz" versprochen. Dazu tagen derzeit Arbeitsgruppen. Das Gesetz soll auch Sanktionen beinhalten. "Empfehlungen allein sind zu wenig", sagt der zuständige Referent im Kabinett, Heinz Trampisch.

Rückschritte bie der schuligen Integration

Rückschritte hat es bei der schulischen Integration Behinderter gegeben. Die Sparpakete haben den gemeinsamen Unterricht erschwert, und Elternverbände kämpfen nach wie vor um die Integration geistig Behinderter in der neunten Schulstufe, was einen regulären Abschluss ermöglichen würde. Die Zahl von Schülern mit sonderpädagogischem Bedarf steigt jedenfalls ständig.

Jobs sind ebenfalls rar geworden: Trotz der "Behindertenmilliarde" (noch in Schilling gerechnet), die seit 2000 die Beschäftigung Beeinträchtigter unterstützt, steigt der Prozentsatz vermittelbarer Behinderter, die keine Arbeit finden. Allerdings habe sich auch die absolute Zahl der Behinderten erhöht, die versuchen, am Arbeitsmarkt unterzukommen, ergänzt Trompisch. Jeder sechste gemeldete Arbeitslose ist aufgrund einer körperlichen, geistigen, psychischen oder Sinnesbehinderung schwer vermittelbar.

Aber es gibt positive "Role-Models" - etwa Wienerberger-Generaldirektor und Rollstuhlfahrer Wolfgang Reithofer. Ungeschminkte Worte fand CDU-Politiker Wolfgang Schäuble, als er noch als möglicher Kanzlerkandidat gehandelt wurde: "Ein Krüppel als Kanzler - ja, das soll diskutiert werden." Die Frage lässt sich abgewandelt derzeit wieder stellen: Schäuble gilt als aussichtsreichster Kandidat für das Amt des deutschen Bundespräsidenten. (DER STANDARD; Printausgabe, 22.10.2003)

  • Personen mit lang andauernden gesundheitlichen Problemen.

    Personen mit lang andauernden gesundheitlichen Problemen.

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