Bisschen zur Ruhe kommen

25. Oktober 2003, 00:02
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Auf Initiative des Orpheus-Trust ist die Pianistin Edith Kraus, die Theresienstadt überlebte, für einen Kurzbesuch nach Wien gekommen. Ein Gespräch

Wien - Hat man als ein in Wohlstandswohligkeit groß gewordener, gerade noch einigermaßen junger Mensch eine Ahnung davon, was Leben bedeutet, bedeuten kann? Kaum. Geschichte ist: läppische 30 Jahre Eigenerfahrung plus Bücher plus Filme über die Zeit davor, angereichert durch ein paar Erzählungen von Eltern und Großeltern. Für Edith Kraus ist das letzte Jahrhundert nicht Geschichte, sondern ihr Leben: das als Klavierwunderkind, als Verfolgte und als Ehefrau, Mutter und Lehrerin in Israel.

Edith Kraus wurde 1913 in Wien geboren, aufgewachsen ist sie im 19. Bezirk. Der Vater betrieb ein Wäsche- und Brautausstattungsgeschäft, Edith spielte mit Freundinnen im Wertheimsteinpark. Die ältere Schwester bekam Klavierstunden, die kleine Edith spielte die Stücke nach, die die Schwester zu lernen hatte. In Karlsbad, wohin die Familie 1919 übersiedelt war, bekam sie selbst Klavierunterricht, mit elf spielte sie mit dem Karlsbader Kurorchester Mozarts c-Moll-Klavierkonzert. Aus dem Kreis der Kurgäste setzte sich Alma Mahler für das Talent ein, schrieb einen Brief an den berühmten Pianisten Artur Schnabel, welcher Kraus 13-jährig in seine Klavierklasse an der Berliner Hochschule aufnahm.

Wie war das möglich, mit 13 einfach so nach Berlin zu gehen? Mal fuhr der Vater mit, mal die Mutter, ab 14 logierte Edith - "gegen Bezahlung" - bei einer adeligen Bekannten der Familie. Schnabels Stil: Der Pianist unterrichtete ein Werk immer nur ein einziges Mal, was zur Folge hatte, dass die junge Schülerin jede Woche ein neues Stück - auswendig - vorzutragen hatte.

"Nicht der ideale Unterricht für ein Kind. Aber es ging." Die schulfrei gestellte Edith übte "selten mehr als vier, fünf Stunden am Tag" und besuchte abends Konzerte von Rachmaninow, dem jungen Horowitz. Mit 17 ging Kraus nach Prag, unterrichtete, spielte. Mit zwanzig heiratete sie zum ersten Mal, die Schikanen gegen die jüdische Bevölkerung wurden schlimmer.

Im Juni 1942 wurde Kraus mit ihrem Mann nach Theresienstadt deportiert, in einem Viehwagon. Wie muss man sich Theresienstadt vorstellen? "Es war ein kleines Städtchen, umgeben von einer Mauer. Oben auf der Mauer ist Gras gewachsen, da konnte man sich manchmal sogar drauflegen." Die Nazis machten aus Theresienstadt eine Art Vorzeigelager, die Inhaftierten durften und sollten sich künstlerisch betätigen.

Kraus arbeitete acht Stunden in einer Fabrik und spielte daneben bis zu drei Konzerte pro Woche. 1944 wurde ihr Mann nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Auch der Vater und die Schwester von Edith Kraus wurden in den letzten Kriegsjahren von den Nazis umgebracht. Wie ist es möglich weiterzumachen? Versucht man zu verdrängen? "Wie soll das möglich sein? Versetzen Sie sich in meine Lage, eine Minute: Wenn man Ihre ganze Familie umbringt, und Sie bleiben da, alleine. Aber Sie haben Recht: Wenn man nicht dabei war, kann man es sich nicht vorstellen."

Kraus ging wieder nach Prag zurück, konzertierte, gab Unterricht, lernte ihren zweiten Mann kennen, heiratet 1946; ein Jahr später kam ihre Tochter zur Welt: "Meine glücklichste Zeit." 1949 wanderte sie nach Israel aus, wo sie bis heute lebt: "Wir hofften, dort ein bisschen zur Ruhe zu kommen. Dem war leider nicht so." (DER STANDARD;Printausgabe, 22.10.2003)

von Stefan Ender
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