Deutsches Reh küsst Russenbär

22. Oktober 2003, 16:21
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Eine Riesenschau im Berliner Gropius-Bau soll das Verhältnis der beiden ehemaligen politischen "Reichshälften" der Kunst widerspiegeln

"Berlin-Moskau/Moskau-Berlin 1950-2000" - Das Fünf-Millionen-Euro-Projekt räumt mit Klischees von Ost- und Westkunst auf.


Berlin - Nicht nur präsidentiale Pferdeschlittenfahrten durch die russische Landschaft oder Bruderküsse der Staatsoberhäupter demonstrieren eine freundschaftliche Annäherung der einstigen Kriegsgegner Sowjetunion und Deutschland. Das müssen auch Ausstellungen tun, vereinfacht gesagt. Manchmal wird so etwas auch verordnet.

Berlin, einst geteilte Stadt und jeweiliges Schaufenster der Schutzmacht, bietet sich dafür als optimaler Standort an. Des Künstlers Via Lewandowskys Berliner Zimmer, ein schräg in der Mitte durch Katze wie Möbel geschnittener muffiger Salon, zeigt die beiden gleichen Seiten der Medaille Berlin-Moskau/Moskau-Berlin 1950-2000. Nach Teil eins, der vor acht Jahren die Zeit von 1900 bis 1950 beleuchtete, folgt die zweite Jahrhunderthälfte, gespiegelt in der bildenden Kunst. "Von hier aus", wie es heißt.

Trotz allem ein schwieriger Ausgangspunkt, da der russische Kulturbegriff allein schon ein anderer, nicht autonomer war. Vor allem der inoffiziellen Kunst, abgehoben von jedem Marktkalkül und jedweder Öffentlichkeit, wohnten ganz anderen Produktionsbedingungen inne. Ost- und Westkunst sind die eigentlichen Parameter dieser Schau, welche etwa die aus Belgrad stammende Marina Abramovic mit weißer Flagge am Schimmel ausstellt wie auch der slowenischen Gruppe Irwins Kunstleiche 2003, einen konstruktivistischen Sarg mit einer wächsernen Malewitsch-Leiche.

Das Kuratorenteam, Pavel Choroschilow, Viktor Misiano und Ekaterina Dogout (Russland) sowie Ex-DDR-Kunstfachmann Christoph Tannert, Angela Schneider und Jürgen Harten (Deutschland), setzte im Berliner Martin-Gropius-Bau in 45 Sälen eine opulente Bildmaschinerie in Gang, welche Geschichte spiegelt - aber nicht direkt chronologisch-didaktisch abbildet.

Letzteres war der große Streit zwischen den Kuratorenteams. Die Deutschen kommen in Berlin mit einer hervorragenden Doku-Fotostrecke berühmter Fotografen und thematischen Sälen aus. Die Russen wollen in Moskau, wo die Schau 2004 hinwandert, die Bilder in einen langen historischen Diskurs einbetten.

Fragt sich, ob sich Jeff Walls Monumentalfoto von blutigen Zombie-Soldaten im Schützengraben, das auf den Afghanistankrieg bezogene Großformat Dead Troops Talk, auch in Moskau im Saal der so genannten "Russenbilder" befinden wird.

Ein Affront und gleichzeitig kein Affront der riesenhafte weiße Kubus, mit dem Gerhard Merz den gesamten Innenhof des Gropius-Baus ausfüllt. Sieg der Sonne nennt er ihn in Anspielung auf die revolutionäre Oper Sieg über die Sonne, welche dieses unerreichbare Ziel vor Augen hatte. Jetzt heißt es zurück ans Ende der Utopien: Merz' Sonne scheint zwar, jedoch in kaltem Boutiquen-Neon.

Selbstkritischer Blick

Eine postmoderne Ausstellung, die Brüche offen lässt und zum Browsen einlädt - da trifft der sarkastische Humor von Komar & Melamid (Nostalgischer Sozialistischer Realismus) auf Deutschlands Fett-und Filzmagier Beuys oder auch auf Lutz Dammbecks nachgebaute Una-Bomber-Hütte. Das deutsche Feuilleton bemängelte die Tendenz, dass das Nebeneinanderstehen ähnlicher Stile doch immer demonstrieren solle, dass das Vorbild im Westen das bessere war, so wie Sigmar Polke ein Autobahnplakat mit zitternder Hand imitiert, ein "Gemeinschaftwerk Aufschwung Ost". Das mag am selbstkritischen Blick liegen - das große Messen scheint hier nicht angesagt.

Gut, wenn sich Bezüge quer durch die Ausstellung ergeben. Wie eben Picasso, dessen kleine Stalin-Pseudohommage (Stalin à ta santé, 1949) sich mit der Pseudohistorisierung der jungen Russen Dubossarsky/Vinogradov misst. Die beiden haben - neben einem kitschig-verklärten Opus, in dem u. a. deutsche Rehe russische Bären küssen - Picasso in Hemdsärmeln als Moskau-Tourist ins Bild gerückt, also eine Fiktionalisierung der Geschichte wie im Sozialistischen Realismus imitiert. Andererseits gibt es die politsche engagierte Kunst der DDR, für die Picassos Bild des Korea-Massakers (1951) emblematische Wirkung gehabt haben soll. Willi Sittes Arbeiten beweisen das.

"Tugendterror" nennt sich einer der spannendsten Räume. Hans Peter Feldmanns Die Toten 1967-93 liefert Fotos und Kurzbiografien des Personenkreises rund um die RAF, wobei die Opfer-Täter-Bezeichnung teilweise verschwimmt. Daneben ein wandfüllendes Gemälde von Igor Makarewitsch, welcher mittels in Särgen liegender, absolut unheroischer Leichen der Kommunarden die Sinnhaftigkeit blutiger Revolutionen infrage stellt.

Oleg Kulig, früher Moskauer Aktionist und Hunde-Performer, bekam einen eigenen Raum, den er Museum nennt. Er bastelte sich mit lebensgroßen Wachspuppen seine eigene Interpretation der Ost-West-Geschichte. Während in der Luft ein Kosmonaut einstige Zukunftsträume verkörpert, zeigt eine monströse, balldreschende Anna Kournikowa in der Glasvitrine die hässliche Fratze u. a. der Optimierung im Sportbusiness. Es dämmert. Fragt sich nur, ob die Sonne gerade auf- oder untergehen wird. (DER STANDARD; Printausgabe, 22.10.2003)

Doris Krumpl

Bis 5. 1.

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www.berlin-moskau.net

  • Wenn Sigmar Polke mit reflektiert zitternder Hand ein Autobahnplakat imitiert, ergibt dies "Gemeinschaftwerk Aufschwung Ost", ein Spitzenprodukt der Westkunst.
    foto: katalog

    Wenn Sigmar Polke mit reflektiert zitternder Hand ein Autobahnplakat imitiert, ergibt dies "Gemeinschaftwerk Aufschwung Ost", ein Spitzenprodukt der Westkunst.

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