Nur in der Vielfalt liegt die Chance

27. Oktober 2003, 09:52
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Österreichs Skidamen leiden vielleicht noch mehr unter Hermann Maier als dessen männliche Kollegen - Rennsportleiter Mandl im STANDARD-Interview

Wien - "Die mindere Wertschätzung des Damenrennsports ist ja keine österreichische Besonderheit." Herbert Mandl, einer der Architekten der jahrelangen erdrückenden Überlegenheit der ÖSV-Herren im Riesenslalom und Super G, übernahm im vergangenen Jahr die Hauptverantwortung über den alpinen Damenkader. Wie die meisten der ÖSV-Spitzentrainer ist Mandl ein akademisch gebildeter (Sportwissenschaften und Geografie) und weit gereister, vielfach erfahrener Mann. Unter anderem widmete er sich von 1992 bis 1997 dem norwegischen Damenteam, und er ist lange genug im Weltcup unterwegs, um die aktuellen Trends vor dem Hintergrund größerer Themenverschiebungen zu beurteilen.

"Die Leistungen der Damen sind in absoluten Zahlen kaum schwächer, der grobe Unterschied ist eher das Vermarktungsmanko." Interessanterweise, so Mandl weiter, würden jedoch in anderen Branchen, vom Film bis zum Geräteturnen, die Damen sogar die Herren an Werbe-und Schauwert übertreffen. "Wenn das Outfit stimmt, das Aussehen und die Leistung, gibt es da kein Halten." Leider habe der Damen-Skisport diesen Sprung noch nicht geschafft, und zwar nicht nur in Österreich.

Das war schon einmal anders, Annemarie Moser-Pröll oder Petra Kronberger erreichten dank ihrer Weltmeistertitel, Weltcupsiege und ihrer Lebensweise Kultstatus, wenn auch in durchaus unterschiedlicher Weise. Dann kam die Flaute. Sportlich und image- mäßig. Trotz Michaela Dorfmeisters Gesamtweltcupsieg im Vorjahr.

Dazu kommt der Zeitgeist. "Die Vielfalt der Gesellschaft macht eine Entscheidung für den Leistungssport nicht gerade attraktiv." Mandl: "Bei uns ist es neben diesem übermächtigen Herrenteam natürlich besonders schwer." In Österreich, mit seiner lebenden Trainingskultur, ist es allerdings auch schwer, sportlich den Anschluss zu verlieren. Mandl: "Wir haben eine Zeit lang die Vielfalt in der Basisausbildung vernachlässigt." Der Carver hat in jüngster Vergangenheit dazu beigetragen, den Einheitsschwung zu etablieren. Junge Skirennfahrer lernen schnell, auf guter Piste rasch zu fahren. "Aber wir müssen wieder weg von der brettelebenen Piste, ins Gelände, in die Buckeln, auf unterschiedliche Schneelagen." Denn nur wer eine breite skitechnische Ausbildung hat, kann auf unerwartete Aufgaben (schlechte Sicht, hohes Tempo, Löcher) auch gut reagieren. Gerade jetzt scheint die erste Gruppe junger Damen aus dem Europacup-Team in die Weltcup-Mannschaft zu drängen. Die Gesamtweltcupwertung werden, so Mandl, freilich noch die Arrivierten wie Dorfmeister, Alexandra Meissnitzer oder Renate Götschl tragen.

Janica Kostelic, die ihre Knieverletzung ausheilen will, hat Mandl als Weltcup-Anwärterin keineswegs abgeschrieben. Mandl: "Sie hat in der Vergangenheit immer wieder schwere Verletzungen gehabt und war dann wenige Wochen später in Topform. Ich bin fast überzeugt, dass sie in einem Monat in Park City schon wieder dabei ist." (Johann Skocek, DER STANDARD PRINTAUSGABE 22.10. 2003)

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    Herbert Mandl, Chef der ÖSV-Skidamen

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