Politik ohne Netz

21. Oktober 2003, 20:06
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Der Konflikt endet, die Nordiren übernehmen immer mehr Verantwortung für ihr Schicksal - von Martin Alioth

Jene, die das nordirische Friedensexperiment schon abgeschrieben haben, müssen umdenken. Da tut sich was. Sinn Féin und die Unionisten haben sich nach langwierigen bila- teralen Verhandlungen zur Flucht nach vorn entschlossen: Das inzwischen fünfeinhalb Jahre alte Abkommen vom Karfreitag 1998 bleibt der Bauplan für den Frieden. Jetzt werden die Schlusssteine eingefügt. Der Konflikt endet, die Nordiren übernehmen immer mehr Verantwortung für ihr Schicksal.

Obwohl die Zugeständnisse großteils von Sinn Féin und der IRA kommen, bleibt Unionistenchef David Trimble der schwächere Partner. Doch er sah ein, dass sein konstruktiver Partei-

flügel ohne konkrete Fortschritte aufgerieben würde, und entschloss sich, den guten Absichten der IRA noch einmal Vertrauen zu schenken - mit dem Risiko, dass er erneut durch die Eskapaden von unbelehrbaren Militaristen blamiert wird.

Sinn-Féin-Präsident Gerry Adams scheint sich seinerseits zur Einsicht durchgerungen zu haben, dass Trimble die beste Chance für eine kollektive Übernahme der Verantwortung darstellt. So verzichtet Sinn Féin darauf, künftig mit einer einsatzfähigen Armee im Hintergrund Politik zu machen, während Trimbles Unionisten jetzt ohne Wenn und Aber um Wählerunterstützung für das kühne Experiment werben müssen.

Adams und Trimble haben vor der Unterzeichnung des Karfreitagsabkommens nie miteinander gesprochen. Jetzt bauen sie aufeinander und versuchen, auf die Bedürfnisse des jeweils anderen einzugehen. Natürlich wird Nordirland auch weiterhin von Krisen geschüttelt werden, aber die Politiker haben ihre Fähigkeit unter Beweis gestellt, aus Erfahrungen zu lernen. Hoffentlich erhalten sie den verdienten Lohn in Form von Wählerstimmen. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.10.2003)

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