Im Land der tausend Stimmen

27. Oktober 2003, 19:12
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Besuch bei Seiji Ozawas Saito-Kinen-Festival in Matsumoto

Matsumoto - Nein, nicht in einem französischen Konzertsaal wird nach einer Zugabe gerufen, sondern in einer japanischen Sport- und Mehrzweckhalle, am Stadtrand von Matsumoto, einer Kleinstadt in den Bergen von Honshu, zweieinhalb Stunden mit dem Schnellzug von Tokio. Dem zurückhaltenden Landesstil entsprechend gelten öffentliche Gefühlsaufwallungen als unziemlich; also bedient sich die japanische Sprache in solchem Fall eines Fremdworts aus dem Französischen.

Soeben ist zudem in französischer Sprache gesungen worden – Dirigent Seiji Ozawa hat Bizets Carmen dirigiert. Auf der Bühne drängen sich hundert Musiker des Saito-Kinen-Orchesters und tausend Chorsänger, im Auditorium siebentausendfünfhundert Besucher. Die „Encore“-Rufe werden belohnt, es gibt den Gefangenenchor aus Nabucco und ein japanisches Heimatlied. Die Zuhörer singen aus voller Kehle mit, Maestro Ozawa dreht sich um und dirigiert das Publikum.

Zwar liegt die 200.000 Einwohner zählende Stadt in einem Bergtal, eingeklemmt zwischen dem Hauptkamm der bis zu 3000 Meter hohen japanischen Alpen im Westen und den Almwiesen des Utsukushigahara-Plateaus im Osten, aber die geografische Breite entspricht derjenigen von Sizilien. Von Januar bis März jedoch liegt in den Bergen Schnee, und bei einem seiner Skiurlaube war es, dass Seiji Ozawa sich entschied, in Matsumoto ein Festival für klassische Musik zu gründen, das größte des Landes, das Saito-Kinen-Festival. Im Jahre 1992 war es zum ersten Mal so weit.

Das Saito-Kinen-Orchester gibt es länger als das Festival, sein Name ist eine Verneigung vor dem Mentor der klassischen Musik im Japan, dem Dirigenten Hideo Saito (1902–1974). Seiji Ozawa war sein Schüler: „Saito machte mich zu dem, was ich bin; und es ist die Aufgabe unseres Orchesters, sein Werk fortzuführen.“ Nächstes Jahr, am 25. Mai, wird man im Wiener Musikverein dem Orchester begegnen können.

Vier Orchesterkonzerte, vier Kammerkonzerte, vier Aufführungen von Verdis Falstaff sowie das eingangs beschriebene „Konzert der tausend Stimmen“ mit der Carmen standen heuer auf dem Programm, und wie eine Festivalmitarbeiterin berichtet, waren bereits im Juni, knapp eine Stunde nach Beginn des Vorverkaufs, alle Karten weg. Immerhin rund 30.000 Stück, und das Publikum kommt zum größten Teil aus der näheren Umgebung.

Außerdem gibt es Fernsehübertragungen, freiwillige Helfer kümmern sich ums Kartenabreißen, um die Platzzuweisung und um die Verabschiedung der Besucher – verlässt man nach Ende der Vorstellung den „Buka Kaikan“, den Kulturpalast von Matsumoto, so schreitet man durch ein Spalier tief verneigter Köpfe. Jeweils eine Oper wird bei jedem Saito-Kinen-Festival inszeniert, und die klassische Moderne steht dabei im Vordergrund: Nächstes Jahr wird der Wozzeck von Alban Berg gegeben und 2005 Schönbergs Moses und Aron.

Heuer griff man zu Verdis Falstaff und engagierte als Regisseur Olivier Tambosi. Bariton Paolo Gavanelli brilliert in der Titelpartie, und zum Schlussapplaus zieht Seiji Ozawa noch eine Show ab: Er springt auf die Bühne, dreht im Laufschritt eine Ehrenrunde, klatscht den Sängern auf die Hände und freut sich sichtlich unbändig. Gavanelli anderntags: „Seiji ist nicht nur ein Musikgenie, sondern auch menschlich eine einmalige Erscheinung. Mit ihm zu musizieren bedeutet Glück.“ (DER STANDARD, Printausgabe, 22.10.2003)

Harald Steiner aus Matsumoto

Link

www.saito-kinen.com

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