Neue UN-Anklage schockiert Belgrad

22. Oktober 2003, 20:20
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Tribunal klagt vier serbische Generäle wegen ethnischer Säuberungen im Kosovo an

Die Anklage des UNO-Tribunals für Kriegsverbrechen gegen vier serbische Armee-und Polizeigeneräle schlug in Belgrad wie eine Bombe ein. Der derzeitige Chef der serbischen Polizei, Sreten Lukic, sein Vorgänger Vlastimir Djordjevic, Exgeneralstabschef Nebojsa Pavkovic und der ehemalige Kommandant der im Kosovo stationierten Dritten Armee, Vladimir Lazarevic, werden wegen "Mordes, Verfolgung, Zwangsdeportation und ethnischer Säuberung" der albanischen Zivilbevölkerung im Kosovo in Den Haag angeklagt.

In der Anklage werden konkrete Ereignisse genannt, unter anderem die Ermordung von 44 albanischen Zivilisten im Ort Suva Reka im Kosovo, deren Leichen vor einem Jahr in einem Massengrab in der Nähe Belgrads entdeckt worden sind.

Zum ersten Mal widersetzte sich die serbische Reformregierung heftig dem UNO-Tribunal. "Politisch betrachtet" sei die Anklage ein "Schlag" gegen die Reformen in Serbien, erklärte entrüstet Premier Zoran Zivkovic. Serbien habe sich eindeutig auf die Zusammenarbeit mit dem Tribunal verpflichtet. Doch "gerade jetzt", zu Beginn der Gespräche Belgrads mit Pristina, inmitten der Wahlkampagne für die Präsidentschaftswahlen in Serbien und angesichts des Misstrauensantrags gegen die Regierung im serbischen Parlament Anklage zu erheben sei einfach nicht korrekt.

"Ich werde die Generäle Lukic und Lazarevic ganz sicher nicht ausliefern", gab sich Innenminister Dusan Mihajlovic entschieden. Polizeichef Lukic sei "ein Held" des Kampfes gegen das organisierte Verbrechen. Dem neulich pensionierten Lazarevic wurde im Juli der höchste staatliche Orden verliehen.

Wegen der Parlamentskrise in Serbien versetzt die Anklage des Tribunals die prowestliche Regierung tatsächlich in eine äußerst unangenehme Lage. Eines der stärksten Argumente von Premier Zivkovic, waren seine gute Beziehungen mit der internationalen Gemeinschaft. Der Druck des in Serbien verhassten Tribunals stärkt während der Wahlkampagne entschieden die ultranationalistischen, konservativen Kräfte. Belgrad warf der Chefanklägerin des Tribunals, Carla del Ponte, vor, "gar kein Verständnis" für die brüchige politische Lage Serbiens zu zeigen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 22.10.2003)

Andrej Ivanji aus Belgrad
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