32 Festnahmen bei Razzia in Kerbala

22. Oktober 2003, 14:59
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Irakische Familie wirft US-Soldaten Mord vor - Prügelei vor Ölministerium

Bagdad - Bei einer groß angelegten Razzia in der irakischen Unruhestadt Kerbala haben die Besatzungsstreitkräfte am Dienstag insgesamt 32 Menschen festgenommen. Die Aktion galt nach Angaben der polnischen Truppen einer schiitischen Gruppe, die in der vergangenen Woche einen irakischen Beamten gefangen genommen hatte. Vor dem Ölministerium in Bagdad kam es unterdessen zu Ausschreitungen, als eine aufgebrachte Menge gegen die Durchsuchung einer Mitarbeiterin protestierte.

Bei den Festgenommenen in Kerbala habe es sich um Anhänger des einflussreichen Schiitenführers Moktada Sadr gehandelt, teilte ein Mitarbeiter des Geistlichen am Dienstag mit. Sicherheitskräfte seien in der Nacht mit Hilfe von Hubschraubern in das Moscheegelände eingedrungen und hätten die Sadr-Anhänger abgeführt. Gleichzeitig sei der Bürochef von Sadr, Scheich Khalid Khadumi, in seiner Wohnung in Kerbala festgenommen worden.

"Niemand steht über den Gesetzen "

Es handle sich um "kriminelle Elemente", die für Ausschreitungen vor fünf Tagen verantwortlich sein sollen, bei denen drei Iraker getötet und fast 50 verletzt wurden, teilte das irakische Innenministerium am Dienstag in Bagdad mit. Ein Sprecher der US-Verwaltung in Bagdad begrüßte die Festnahme-Aktion als "Maßnahme, die den Menschen in Kerbala und im ganzen Irak zeigt, dass im neuen Irak niemand über den Gesetzen steht". Mit der Razzia in Kerbala hoffen die Koalitionsstreitkräfte offenbar die Lage in der heiligen Stadt der Schiiten zu beruhigen. Rivalisierende schiitische Gruppen hatten sich dort in der vergangenen Woche nach der Gefangennahme des Beamten blutige Gefechte geliefert.

Angriff auf US-Militärpolizei

Bei einem weiteren Zusammenstoß zwischen El-Sadr-Anhängern und US- Militärpolizisten einen Tag später wurden drei Militärpolizisten getötet, darunter ein US-Oberstleutnant, das bisher ranghöchste amerikanische Opfer des Irak-Feldzuges. Ein US-Militärsprecher betonte, dass zwischen den beiden Vorfällen kein direkter Zusammenhang bestehe. Scheich Hassani, der lokale Vertreter von El Sadrs Bewegung, vor dessen Haus sich dieser Zwischenfall ereignete, ist flüchtig.

Prügelei vor Ölministerium

Anlass des Handgemenges vor dem Ölministerium am Dienstag war die Durchsuchung einer Mitarbeiterin an der Eingangskontrolle. Die Frau weigerte sich, ihre Tasche von einem Spürhund der US-Streitkräfte beschnüffeln zu lassen. Zur Begründung erklärte sie, in dem Beutel trage sie den Koran bei sich. Muslime betrachten Hunde als unreine Tiere. Nach Angaben irakischer Augenzeugen nahm ein Soldat den Koran aus der Tasche, warf ihn zu Boden und legte der Frau Handschellen an. Dies habe eine Prügelei ausgelöst.

Schwere Vorwürfe gegen US-Soldaten

Unterdessen erhob die Familie eines am Montag verstorbenen Irakers schwere Vorwürfe gegen US-Soldaten in Falluja: Sie hätten den Mann nach seiner Verhaftung erschossen. Am Montag hatte es lediglich geheißen, dass bei Feuergefechten zwischen US-Soldaten und irakischen Angreifern auch zwei Unbeteiligte getroffen wurden. Später wurden zwei Leichen ins Krankenhaus gebracht.

Gefesselte Leiche

Ein Reporter der Nachrichtenagentur AP sah, dass der Tote Nasem Baji eine Schusswunde im Kopf hatte. Seine Hände waren mit weißem Plastikband gefesselt, wie es die US-Truppen üblicherweise bei Festnahmen benutzen. Nach Angaben von Bajis Bruder hatten amerikanische Soldaten das Haus der Familie am Montag durchsucht, nachdem sie wenige Meter vor einer Brücke am Ortseingang von Falluja unter Beschuss geraten waren. "Sie haben ihm ins Bein geschossen, dann seine Hände gefesselt und ihn in den Kopf geschossen", sagte Diraa Baji. US-Militärsprecher Oberstleutnant George Krivo erklärte am Dienstag, über einen derartigen Vorfall sei nichts bekannt.

Am Dienstag herrschte in Falluja zunächst Ruhe, 15 Kilometer südwestlich der Stadt wurde nach Angaben irakischer Augenzeugen aber ein US-Militärfahrzeug angegriffen. Der Humvee stand in Flammen, Soldaten durchsuchten die umliegenden Häuser.

Israel schloss unterdessen einen Beitrag zum irakischen Wiederaufbau nicht aus. Falls man um Hilfe gebeten werde, werde man dies prüfen, sagte der israelische Botschafter in Spanien, Victor Harel, am Dienstag. Russland hingegen hat nach eigenen Angaben nicht die Absicht, den Wiederaufbau direkt finanziell zu unterstützen. Vielmehr sollten die Aufträge an russische Firmen, die das gestürzte irakischen Regime vergeben hatte, bestätigt werden, sagte der stellvertretende Außenminister Juri Fedotow der Nachrichtenagentur Interfax. (APA/AP/dpa)

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