Kanzler lobt Vizekanzler, Vizekanzler a. D. lobt Kanzler

22. Oktober 2003, 18:41
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Rosen nach der Rochade: Schwarz-Blau bemüht sich nach der Regierungsumbildung, Stabilität zu vermitteln

Wien – Auch Protest nutzt sich ab. Gezählten fünf Demonstranten war es die Regierungsumbildung wert, auf den Ballhausplatz zu kommen und Kanzler und Vizekanzler mit Buhrufen und einem "alles Gute, Jörg Gorbach"-Transparent auf dem Weg zum Bundespräsidenten zu begleiten. Und auch Bundespräsident Thomas Klestil setzte bei der Angelobung des neuen Vizekanzlers Hubert Gorbach nicht seine eisige Schwarz- Blau-Miene auf – sondern bemühte sich, bei der Unterschrift unter die Bestellungsurkunde gar kein Gesicht zu machen. Gorbach selbst strahlte dafür gleich für zwei.

Wie ihm lag auch seinem Vorgänger, Herbert Haupt, und Kanzler Wolfgang Schüssel daran, Harmonie und Aufbruchsstimmung zu verbreiten. Nach den Wochen der getrennten schwarz-blauen Pressefoyers nahmen sie demonstrativ einträchtig zu dritt nebeneinander Platz, um sich gegenseitig Rosen zu streuen. Haupt bedankte sich beim "lieben Wolfi", Schüssel lobte Haupt als "großen Sozialreformer" und Gorbach als "professionellen Verhandler".

Dienstautos kleiner

Und der Kanzler überließ es Gorbach, erste Duftmarken als blauer Antiprivilegienkämpfer zu setzen und die im Ministerrat beschlossene Beschränkung für Dienstautos zu verkünden. Anfang 2002 war die Hubraumbeschränkung für Regierungsautos abgeschafft wurden, Dienstag wurde sie wieder eingeführt, die neue alte Obergrenze liegt bei 3000 Kubikzentimeter. Anlass für die Rückkehr zur alten Regelung waren Berichte über Gorbach selbst, dem ein Faible für einen Mercedes-S-Klasse nachgesagt wurde – daher war es Gorbach wichtig, die Sache "vom Tisch" zu bekommen.

Alles andere als vom Tisch sind auch nach der Regierungsrochade die Differenzen um die Steuerreform: Die FPÖ will sie auf 2004 vorziehen, die ÖVP nicht – aber erstmals als Vizekanzler neben Schüssel sitzend, wollte sich Gorbach nicht mit Forderungen vorwagen. Er beschied den Journalisten nur: "Es wird Ihnen nicht gelingen, einen Koalitionskonflikt aus der Frage zu machen." Soll doch nach der Rochade "Beständigkeit" (Schüssel) und "Reformeifer" (Gorbach) einkehren. Schüssel formulierte das so: "Ab sofort werden die Ärmel aufgekrempelt."

Bauer und Palais

Die verordnete Aufbruchsstimmung wollte Haupt nicht durch Misstöne stören. Sein Rückzug als Vizekanzler sei völlig freiwillig erfolgt, versicherte er treuherzig und mit selbstironischen Vergleichen: "Ein Nilpferd ist kein Zugpferd." Er ist Pate für ein Nilpferd und ziehe sich freudig ins Biotop Sozialministerium zurück. Selbst auf den Umzug aus dem Vizekanzler-Palais ins Ministerium will Haupt sich freuen. Denn: "Ein Bauer gehört nicht ins Palais." (Eva Linsinger/DER STANDARD, Printausgabe, 22.10.2003)

  • Noch einmal winkte er in die Menge: Herbert Haupt verabschiedet sich vom Vizekanzleramt

    Noch einmal winkte er in die Menge: Herbert Haupt verabschiedet sich vom Vizekanzleramt

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