Ratlosigkeit nach nordirischem Fiasko

24. Oktober 2003, 09:31
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Trotz politischen Rückschlags bleibt der Wahltermin im November aufrecht - eine Analyse

Die irischen Zeitungen wussten am Mittwoch nicht recht, ob sie sich über den überraschenden Kollaps des nordirischen Friedensprozesses mokieren oder ärgern sollten. Der ehemalige Chefminister David Trimble hatte sich tags zuvor überraschend aus einer vereinbarten Abfolge von Erklärungen und Zugeständnissen zurückgezogen, die in einer Wiederherstellung der nordirischen Selbstverwaltung hätten münden sollen. Die Angaben des kanadischen Generals John de Chastelain über die Natur und den Umfang der jüngsten Abrüstung durch die IRA schienen Trimble zu dürftig, zu wenig transparent. Beobachter wunderten sich anschließend, ob Trimble angesichts der langen Verhandlungen über exakt diese Einzelheiten wirklich überrascht war.

Sie kamen zum Schluss, dass Trimbles skeptische Gefolgsleute aufs Bremspedal gestiegen waren. Weder die Erklärung von Sinn-Féin-Präsident Gerry Adams noch die Bestätigung derselben durch die IRA hatten wirklich Neues enthalten. Da brauchte Trimble von de Chastelain einen Beweis, um den protestantischen Wählern zu zeigen, dass die IRA sich tatsächlich aus dem paramilitärischen Geschäft zurückgezogen hatte.

Doch die IRA besteht auf ihrem gesetzlich verankerten Recht zur diskreten Geheimhaltung. Der irische Premierminister Bertie Ahern ließ nach dem Fiasko keinen Zweifel daran, dass er den Schwachpunkt vorweg erkannt hatte, während der Brite Tony Blair verkrampft optimistisch von einer Lösung in den nächsten Tagen sprach.

Trimble erläuterte abschließend seine Beweggründe, aber konnte nur beteuern, dass er Sinn Féin um Transparenz gebeten habe, nicht aber, dass diese zugesichert worden war. Da bleibt der Eindruck von zweitklassigem Verhandeln zurück, auch von britischem Übereifer, den "Durchbruch" zu feiern, bevor er reif war.

Beträchtliche Fortschritte bleiben übrig: Die IRA hat ihre friedlichen Absichten beteuert, die Kontakte zwischen Trimble und Adams bilden Kapital für die Zukunft. Aber die Parlamentswahl vom 26. November birgt unter den gegenwärtigen Umständen enorme Risiken: Mit leeren Händen wirkt Trimble wie ein Verlierer. Und ein schwacher Trimble verhindert die Regierungsbildung, allein schon aus numerischen Gründen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.10.2003)

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    Ein Pro-Sinn-Fein-Graffiti in Belfast

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    Sinn-Fein-Chef Gerry Adams.

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