Staatsopernoperette: Holender forever

20. Oktober 2003, 18:37
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Langzeitdirektor mit Glück und Charme

Prognosen für die Zukunft erweisen sich meist als falsch. Im Fall der Bundeshauptstadt liegen die Dinge freilich etwas anders, weil Wien bekanntlich anders ist und, wie schon das Sprichwort sagt, Wien bleibt. So lässt sich nach den bisherigen Erfahrungen unschwer voraussagen, dass der gegenwärtig waltende Staatsoperndirektor auch in 100 Jahren noch in ungebrochener Rüstigkeit im Amt sein wird. Weil nicht nur Wien Wien, sondern auch Ioan Holender Ioan Holender bleibt.

Der Politcharmeur

Denn mit seinem beneidenswert unwiderstehlichen Charme und seinem mit Humor gepaarten Hausverstand wird es ihm auch weiterhin mühelos gelingen, sich alle für die weiterhin fällig werdenden Verlängerungen seines Vertrages zuständigen Politiker gewogen zu stimmen.

Und dies unabhängig von der in einem Jahrhundert in Österreich herrschenden Staatsform. Egal ob Volksdemokratie, Kaiserreich oder eine – wie zurzeit – in vollendeter Kläglichkeit vegetierende Koalition welcher Couleurs auch immer, der profunde kunstpolitische Unverstand wird am Ballhausplatz seit Jahren schon von Minister zu Minister und von Staatssekretär zu Staatssekretär wie eine Stafette weitergereicht.

So mag Ioan Holenders Geburtshoroskop (18. Juli 1935) für jeden ernsthaften Astrologen das Lehrbeispiel für den Radix eines Glückskindes gelten, das seine beispiellose Fortune aus nichts anderem als aus Hilflosigkeit seiner ihm sowohl rhetorisch als auch argumentativ stets weit unterlegenen Partner lukriert.

Chef aus Versehen

Kam der Tennispartner des damaligen Kanzlers Vranitzky im Windschatten Eberhard Waechters 1991 als zunächst nur für die administrativen Belange zuständiger Generalsekretär in die Direktionsetage der Wiener Staatsoper, so wurde er schon ein halbes Jahr später nach Waechters unerwartetem Tod zu seinem Nachfolger bestellt.

Und dies allem Anschein nach versehentlich. Am selben Abend, an dem der damals amtierende Kunstminister dem Standard gegenüber feststellte, Holender werde die Position Waechters nur so lange supplieren, bis ein neuer Direktor gefunden ist, rief der ministerielle Pressesprecher Holender zum neuen definitiven Regenten am Ring aus. Und weil eine Korrektur nicht erfolgte, ist es Holender auch geblieben.

Ein nicht minder bewundernswerter Coup aus der Unbedarftheit seiner Partner war Fortunas Günstling schon vier Jahre zuvor beim Verkauf seiner Agentur an die gewerkschaftseigene ÖIK (Österreichische Internationale Künstleragentur) geglückt, bei dem er seine unerfahrenen roten Geschäftspartner laut Berechnung des Prüfungsunternehmens Confida mit unnachahmlicher Bravour um umgerechnet rund zwei Millionen Euro erleichterte.

Angesichts so glücksbegünstigter Großtaten waren die bisherigen vier Verlängerungen seines Direktorenvertrages für Holender wohl nur verhandlungstaktische Peanuts. Der Umstand, dass zwei von diesen just von jenem schwarz-blauen Regime, gegen das er zunächst wacker opponierte, erfolgte, braucht bei Holenders immenser politischer Anpassungsfähigkeit nicht zu verwundern.

Ebenso wenig, dass Holender bis zu seinem vorläufig für 2010 vorgesehenen Ende seiner Tätigkeit der am längsten amtierende Direktor in der Geschichte der Wiener Staatsoper sein wird. Leute wie Gustav Mahler und Herbert von Karajan haben es mit Ach und Krach auf zehn Jahre, Richard Strauss und Clemens Krauss gerade auf fünf und Lorin Maazel gar nur auf zwei Jahre gebracht.

Zahlen als Argumente

Der Grund für Holenders ungewöhnliche direktoriale Zählebigkeit liegt in seinem Geschick, seine Politiker mit Argumenten zu speisen, die ihrem begrenzten Fassungsvermögen entsprechen: Seine Erfolge liegen unbestreitbar in den anhaltend hohen Besucherzahlen und in der vorbildlichen Einhaltung seines Budgets.

Es sind zweifellos die Tugenden eines Administrators, als der Holender in der Staatsoper begonnen hatte, wenngleich es ungerecht wäre, seine Fähigkeiten auf diese einzuengen. Holenders Stärke liegt in seinem untrüglichen Ohr für Stimmen. Die Zahl erster Sänger wie Andrea Rost, Bo Skovhus oder Natalie Dessay, denen er zum Erfolg verhalf, geht in die Dutzende.

Was freilich noch nicht ausreicht, einem Haus wie der Wiener Staatsoper über Jahrzehnte ein Profil zu verleihen, das über Schöngesang in geistig oder auch schon physisch abgetragenen Inszenierungen unter zum Teil wenig attraktiven, dafür unter Verzicht auf Proben antretenden Dirigenten hinausgeht.

So scheint die Perpetuierung eines Staatsopernbetriebes als von Touristen aus aller Herren Länder gestürmtes Budgetparadies für fast ein weiteres Jahrzehnt nicht mehr als eine ziemlich erbärmliche kulturpolitische Absichtserklärung. Und die jenseits des offiziellen Applauses für diese Entscheidung laut werdende Kritik nicht unberechtigt.

Wie ernst es da die SP-Granden mit ihrem Ruf nach einer Ausschreibung dieser Position meinen, wird sich bald bei der Neubesetzung der Volkstheaterdirektion erweisen. Wenn man sieht, ob mit der lapidaren Ausschreibung tatsächlich neutral nach einer erfahrenen Persönlichkeit gesucht oder eine im roten Plüsch schon längst getroffene Entscheidung nur formal bemäntelt wird. (DER STANDARD, Printausgabe, 21. 10.2003)

Von
Peter Vujica
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