Chefarztpflicht fällt – vorerst für ein Jahr

22. Oktober 2003, 14:02
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Oberösterreich startet Pilotprojekt: Medikamente müssen nicht mehr genehmigt werden

Linz – Patientenvertreter schlagen derzeit Alarm, weil die Chefärzte der Krankenkassen immer seltener teure Medikamente bewilligen. In Oberösterreich werden diese Klagen wohl bald beendet sein: Dort wird ab 2004 als Pilotprojekt die Chefarztpflicht für ein Jahr ausgesetzt, die Genehmigungen für Medikamente entfallen damit.

Johann Mayr, Direktor der oberösterreichischen Gebietskrankenkasse, erläutert im STANDARD-Gespräch, was er sich vom (vorübergehenden) Ende der Chefarztpflicht erhofft: "Die Ärzte haben mehr Freiheit bei der Auswahl der Medikamente, die sie verschreiben. Zudem bedeutet es Erleichterungen für die Versicherten und eine Ersparnis beim Verwaltungsaufwand." Österreichweit arbeiten 250 Chefärzte, nach Mayrs Schätzungen sind rund 20 Prozent ihrer Arbeitskapazität mit chefärztlichen Genehmigungen gebunden.

Rund 3000 Medikamente scheinen derzeit im österreichischen Heilmittelverzeichnis auf und werden automatisch von der Krankenkasse bezahlt, alle anderen rund 1700 Präparate sind chefarztpflichtig. Die Bewilligungsrate für diese Medikamente schwankt je nach Bundesland – in manchen liegt sie bei 60, in anderen bei weit über 90 Prozent. In Oberösterreich werden laut Mayr nicht mehr als zwei bis drei Prozent der Arzneien von den Kassenchefärzten abgelehnt.

Als Begründung für die Chefarztpflicht wird immer wieder genannt, dass diese als Kostenbremse notwendig sei. Mayr ist aber überzeugt, dass die Aufhebung der Chefarztpflicht in Oberösterreich nicht zur Kostenexplosion führen wird: "Wir sind ja nicht so dumm, die Chefarztpflicht ersatzlos ohne Rahmenbedingungen zu streichen."

Spielregeln erstellt

Derzeit bastelt die Gebietskrankenkasse gemeinsam mit der oberösterreichischen Ärztekammer an den Spielregeln für die Ärzte, die einerseits Qualitätsstandards sichern und gleichzeitig den Anstieg bei den Medikamentenkosten bremsen sollen. Mayr: "Wir wollen das Verschreibeverhalten der Ärzte ändern."

Eigentlich hat der Hauptverband der Sozialversicherungsträger schon vor Jahren die österreichweite Abschaffung der Chefarztpflicht angekündigt. "Ich würde sicher eine große Fangemeinde kriegen, wenn ich das schaffen würde", sagt Hauptverbands-Chef Josef Kandlhofer noch heute gelegentlich. Er geht davon aus, dass rund fünf Prozent der Verschreibungen chefarztpflichtig sind – allerdings sind diese Medikamente im Schnitt dreimal so teuer wie "normale" Arzneien.

Auch daher blickt der Hauptverband gespannt nach Oberösterreich und auf den Ausgang des dortigen einjährigen Pilotprojekts. Sollte es erfolgreich sein, könnte es durchaus nachgeahmt werden – und zwar in ganz Österreich. (Eva Linsinger/DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2003)

  • Rund 3000 Medikamente
scheinen derzeit im österreichischen Heilmittelverzeichnis auf und werden automatisch von der Krankenkasse
bezahlt
    foto: photodisc

    Rund 3000 Medikamente scheinen derzeit im österreichischen Heilmittelverzeichnis auf und werden automatisch von der Krankenkasse bezahlt

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