Marcel Reich-Ranicki kritisiert gerichtliche Buch-Verbote

26. Oktober 2003, 21:28
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"Alle Schriftsteller schreiben über Menschen in ihrer Umgebung. Schlüsselfiguren hat es in der Literatur immer gegeben"

Hamburg - Marcel Reich-Ranicki (83) hat die zahlreichen gerichtlich verfügten Buch-Verbote kritisiert. "Dann hätte Gerhart Hauptmann auch den "Zauberberg" verbieten lassen können. Thomas Mann gibt ihm den Namen Peeperkorn und macht ihn lächerlich", sagte der Literaturkritiker der "Bild am Sonntag". Zwar habe er weder "Esra", "Meere" oder "dieses Bohlen-Buch" gelesen, doch die Argumente für ein Verbot der Bücher überzeugten ihn nicht. Gegen alle drei Bücher ("Esra" von Maxim Biller, "Meere" von Alban Nikolai Herbst, "Hinter den Kulissen" von Dieter Bohlen) hatten Betroffene geklagt.

"Alle Schriftsteller schreiben über Menschen in ihrer Umgebung. Schlüsselfiguren hat es in der Literatur immer gegeben", sagte Reich- Ranicki. Er selbst wurde in Martin Walsers Buch "Tod eines Kritikers" und in Bodo Kirchhoffs "Schundroman" kaum verschlüsselt dargestellt. Dennoch habe er niemals daran gedacht, gegen die Veröffentlichung dieser beiden Bücher zu klagen. "In meinem ganzen Leben habe ich keinen Prozess angestrengt in einer literarischen Frage und werde es auch niemals tun", betonte Reich-Ranicki. (APA/dpa)

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