"Wir haben die Toten ins Meer geworfen"

22. Oktober 2003, 22:47
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Überlebende schildern die Flüchtlingskatastrophe vor Sizilien

Niemand kennt sie. Niemand weiß ihren Namen. Aber alle reden von ihr. Die junge somalische Frau, die im Flüchtlingsboot vor der sizilianischen Küste als tot gegolten hatte, ist zur Symbolfigur der Tragödie geworden. Davon weiß sie nichts. Reglos liegt sie in einem Bett der Intensivstation im Ospedale Civile von Palermo. Sie atmet durch eine sauerstoffmaske.

Eine Krankenschwester streicht durch ihr krauses Haar. Ihren Zustand bezeichnet Chefarzt Mario Re als "äußerst kritisch." Das gilt auch für zwei weitere Überlebende, die auf seiner Station liegen. "Zwei Wochen ohne Flüssigkeit und Nahrung haben den Organismus schwer beeinträchtigt", sagt der Arzt. Die anderen sechs Somalis in der Intensivstation blicken ins Leere. Mouhane, 22, spricht langsam und leise. Ein kleiner, grüner Koran liegt auf seinem Kissen. "Wir sind am 3. Oktober von der libyschen Küste aufgebrochen.

"Zum Weinen hatten wir keine Kraft mehr"

Nach zwei Tagen fiel der Motor aus. Der Treibstoff war zu Ende. Es gab nichts zu trinken und nichts zu essen", schildert Mouhane den Hergang der Tragödie. "Die Kinder haben geweint. Die Frauen auch. Dann sind die ersten gestorben. An Hunger, Kälte und Entbehrung. Wir haben sie ins Meer geworfen." Zwei Wochen trieb das 12 Meter lange Boot auf dem Meer. "Wir haben gebetet", sagt Mouhane. "Zum Weinen hatten wir keine Kraft mehr.

Auch nicht, um die Toten ins Meer zu werfen. Wir haben uns mit ihren Körpern zugedeckt, um nicht zu erfrieren. Dann weiß ich nichts mehr." Als die Besatzung des Fischkutters Sant'Anna das Geisterschiff am Sonntag Abend entdeckte, waren von fast 100 Flüchtlingen nur noch 28 an Bord. 13 lebten nicht mehr, 15 kaum mehr. Für die Aussicht auf ein besseres Leben hatte jeder 5000 Dollar bezahlt. Jetzt liegt ihr Boot im Hafen von Lampedusa. Es ist nur eines von vielen.

Am Boden ein paar Kleidungsstücke, einige Fotos, ein Schuh. Alltag für die Bewohner von Lampedusa. "Wir sind der einsame Vorposten Europas", klagt Bürgermeister Bruno Siracusa. "Und wir werden von Europa alleine gelassen." Die 13 Särge mit unbekannten Toten werden auf die Fähre nach Porto Empedocle verladen. Der Inselfriedhof ist zu klein für so viel menschliches Strandgut. (Gerhard Mumelter aus Rom)

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