Die letzte Ruhestätte

20. Oktober 2003, 20:20
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Einblicke in den Alltag der Begräbnisbehörde von L.A.. "A Certain Kind Of Death" von Blue Hadaegh und Grover Babcock

Eine krakelige Zeichnung von einer Begräbnisstelle: Zwischen die Grabplatten, die die Namen seiner bereits verstorbenen Angehörigen tragen, hat der Zeichner seinen eigenen gesetzt. Auf einem Tisch in seinem Wohnzimmer hat er sie neben anderen wichtigen Papieren deponiert - wohl im Wissen um sein nahendes Ableben und in der Hoffnung, dass unbekannte Finder seinem letzten Willen Sorge trügen. Ein einsamer Akt der Vorsorge, der im Kontext von A Certain Kind of Death freilich zu den Ausnahmen gehört:

Mister Tanner, alleine in seiner Wohnung gestorben, nach Tagen von den Behörden gefunden, ist einer von jenen Todesfällen, bei denen es - in Ermangelung von Angehörigen oder Freunden - staatlichen Stellen vorbehalten bleibt, sich um Bestattung und Nachlassverwaltung zu kümmern. Das Los Angeles County Department of Coroner ist jene Behörde, bei der Tanners Zeichnung schließlich ihren Empfänger erreicht.

Blue Hadaegh und Grover Babcock, die Regisseure von A Certain Kind of Death, verfolgen diesen und ähnlich gelagerte Fälle in ruhigen, konzentrierten Einstellungen. In der Tradition von Dokumentaristen wie Frederick Wiseman stehen hier weniger Individuen, denn strukturelle und institutionelle Zusammenhänge im Vordergrund.

Auf Kommentare haben sie verzichtet, die Einträge ins Telefonbuch weisen den Weg zu den einzelnen Abteilungen des Amtes. In aufgeräumten Büros erläutern dort Beamte ihre Arbeit, die ganz alltäglich ist und beim Zusehen zugleich faszinierend und ungeheuerlich erscheint. A Certain Kind of Death betont Ersteres, den Alltag. Auch die Toten erhalten in diesem Rahmen ihren Platz - ihr Anblick wird dem Publikum nicht erspart, aber die Kamera bleibt respektvoll auf Distanz, registriert und ist nie auf der Jagd nach spektakulären Bildern.

Die Routine von ersten Ermittlungen am Fundort, dem Verbringen der Toten in die Pathologie und den nachfolgenden Abläufen steht im Mittelpunkt des Films: die Ermittlung von Todesursachen, Identitäten und Vermögensverhältnissen, die Suche nach Angehörigen, die Versteigerung des Besitzes, die Verbrennung, die Urnenarchivierung und schließlich die - nach jeweils mehrjähriger Wartefrist - alljährlich stattfindende Kollektivbestattung.

Nur in Andeutungen werden so auch Lebensgeschichten sichtbar, die etwas von zwangsläufigem oder selbst gewähltem Rückzug erzählen, von unstetem Dasein oder von quasi letzten Überlebenden einst existenter Familienverbände. Mister Tanner immerhin hat seine gewünschte, letzte Ruhestätte zumindest in Sichtweite des Familiengrabs gefunden. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2003)

Von Isabella Reicher

Im Stadtkino:
22.10., 20.30
24.10., 15.30
30.10., 23.00

  • Artikelbild
    foto: viennale
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