Animationsfilm, fehlkalkuliert

22. Oktober 2003, 20:27
posten

Ein seelenloses Artefakt, krass marktkompatibel: "Daft Punk & Leiji Matsumoto's Interstella 5555"

Die Viennale ist nicht gerade bekannt für ihr Interesse am Animationsfilm - ein blinder Fleck, der sich von Festivalleitung zu Festivalleitung schleicht ... Umso mehr staunt man, wenn dann doch, wie heuer mit Daft Punk & Leiji Matsumoto's Interstella 5555 - The 5tory of the 5ecret 5tar 5ystem (2003), ein Anime im Programm auftaucht:

Ist das viel versprechend (Ecke: ultraherausragendes Werk, das sogar Ignoranten überzeugt)? Oder eher das Gegenteil (Ecke: hipper Topfen, mit dem sich potenziell breit anbiedern lässt)? In diesem Fall eher Letzteres. Speziell, wenn man wie der Autor mit Daft Punk - der Elektronikband - einfach nichts anfangen kann.

Und das sollte man, schließlich besteht die Tonspur ausschließlich aus deren Frog-Pop-Klängen, einmal die letzte LP durch. Aus diesem Kontext waren vertrauenswürdigen Daft-Punk-Fans im Übrigen auch einige Teile des Films schon wohl bekannt: Einzelne Segmente, das heißt Musikstücke, wurden schon - minimal überarbeitet - als Musikvideos ausgekoppelt und verwendet.

Geht eigentlich auch ganz gut, da sich irgendein tieferer innerer Zusammenhang zwischen der Musik und der Geschichte nicht groß ergibt. Es wabert hier halt einfach so ein Klanggefüge über den Bildern.

Der dafür verantwortliche Kult-Manga und Anime-Kreateur Matsumoto Leiji wiederum nahm nach früheren Musikvideo-Kollaborationen mit Daft Punk diese Kinomusikfilm-LP-Konstruktion für das Projekt scheinbar als Freiraum wahr, um seine visuellen Obsessionen in ein Werk hinein zu verdichten - oder eher, um einfach mal herumzuspielen, die Sau raus- und alle Fünfe gerade sein zu lassen:

Die Geschichte ist schlicht und durchgeknallt (wie man sich das hier von einem Anime erwartet ...): Eine Band von glücklichen blauen Außerirdischen wird von einem satanistischen Rock-Promoter gekidnappt und in Menschen verwandelt, um bei einem Opfer dem Überübel geweiht zu werden (für Matsumoto-Verhältnisse verwirrend frei von West-Hoch- und Pop-Kultur-Bezügen). Die visuelle Umsetzung erweist sich, quasi konsequenterweise, als frei von allen Subtilitäten.

Ein reiner Bild- und Motivexzess also, der nirgendwo hinführt und nichts anderes soll, als bunt zu leuchten. Man könnte auch ganz simpel sagen: Daft Punk & Leiji Matsumoto's Interstella 5555 - The 5tory of the 5ecret 5tar 5ystem ist ein seelenloses Artefakt, krass marktkompatibel. Das mit den Animationsfilmen muss man auf der Viennale wohl noch lernen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2003)

Von Olaf Möller

25./26.10., Gartenbau, 1.00

27.10., Urania, 13.30

30.10., Metro, 23.30

  • Artikelbild
    foto: viennale
Share if you care.