"Das Kino steht allen offen"

22. Oktober 2003, 01:05
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Viennale-Stammgast Tsai Ming-liang über Geister, Geduld, Festival-Business und sein jüngstes Werk "Goodbye Dragon Inn"

Mit "Goodbye, Dragon Inn" kehrt ein Viennale-Stammgast wieder: Der taiwanesische Regisseur Tsai Ming-liang sprach mit Isabella Reicher über Geister, Geduld und den Ausverkauf im internationalen Festivalbetrieb.


Ein altes Lichtspieltheater und eine Hand voll Menschen, die dort ihrer Arbeit nachgehen oder als Zuschauer eine Vorführung von King Hus Dragon Inn besuchen: Tsai Ming-liang hat aus dieser schlichten Vorgabe einen der reichhaltigsten und schönsten Filme rund ums Kino gemacht. Aus purem Slapstick und leiser Melancholie, aus Minidramen und Beschreibungen eines Arbeitsalltags entwickelt sich so auf der Leinwand das irritierende Spiegelbild einer realen Kinosituation.

Foto: Viennale
Aufräumarbeiten nach der letzten Vorstellung: eines von vielen Kino-Spiegelbildern aus "Bu san / Goodbye, Dragon Inn"

STANDARD: Ihr vorletzter Film, The Hole, war unter anderem eine Reminiszenz an die populäre Sängerin Grace Chang. Goodbye, Dragon Inn ist nun eine Liebeserklärung ans Kino und eine Hommage an King Hus Dragon Inn ...

Tsai: Die Entstehung des Films war von Zufällen begleitet: Am Anfang stand die Tatsache, dass ich Miao Tien, der in vielen meiner Filme zu sehen ist, im vorigen, What time is it there?, habe sterben lassen. Viele Leute fragten also, ob er nun nie mehr zu sehen sein würde. Ich wollte ihn zuerst als Geist ins Kino zurückkehren lassen. Und da Dragon Inn der erste Film war, den Miao Tien drehte, sollte der auch ein Rolle spielen.

STANDARD: Goodbye, Dragon Inn könnte man auch als eine Versuchsanordung beschreiben: Es geht um einen konkreten Raum und wie die verschiedenen Figuren ihn nutzen. Sind sie mehr vom Kinogebäude ausgegangen oder waren die Figuren zuerst da?

Tsai: Das Kinogebäude ist der Hauptdarsteller des Films, die Schauspieler sind seine supporting actors. Die Art und Weise, wie sich etwa die Kassiererin mit ihrer Beinprothese fortbewegt, ist ein Mittel, um auf die Architektur dieses alten Baus aufmerksam zu machen, diese zu betonen. Sie dient auch dazu, unsere Wahrnehmung gewissermaßen zu verlangsamen und eigene Erinnerungen wachzurufen.

STANDARD: Einzelne Szenen des Films wirken fast wie kleine Tanzeinlagen ...

Tsai: Wie man schnell merkt, gibt es im Film wenig Dialog. Ein Grund dafür ist, dass ich den Ton, die Geräusche und Bewegungen betonen wollte. Das Publikum sollte jeder Bewegung der Akteure Aufmerksamkeit schenken. Andererseits sind meine Schauspieler aufgefordert, sie selbst zu bleiben und ihre Erfahrungen in den Film einzubringen.

Jeder hat also auch seinen eigenen Bezug zum Raum entwickelt. Ich gebe ihnen immer viel Zeit, sich vorzubereiten. Dieses Vertrauensverhältnis zwischen uns halte ich für sehr wichtig, und Geduld zu haben, auf etwas warten zu können ist ein essenzielles Prinzip meiner Filme.

STANDARD: Sie haben inzwischen eine eigene Produktionsfirma, Homegreen Films.

Tsai: Ja, vor drei Jahren haben wir sie für What time is it there? gegründet. Homegreen Films ist ein Zusammenschluss von Leuten, die mit Leidenschaft Filme machen. Auch mein langjähriger Hauptdarsteller Lee Kang-sheng ist dabei, er hat selber gerade einen großartigen Film mit dem Titel The Missing gedreht. Mir erlaubt die Firma ein konzentrierteres Arbeiten. Der Name steht für einen kleinen Baum, der langsam und unter möglichst guten Konditionen wachsen soll. Oder für einen ruhigen Fluss, in den mit der Zeit viele andere einmünden - und so stelle ich mir das auch mit dem Geld vor!

STANDARD: Wie kommen Ihre Filme in Taiwan an?

Tsai: Es ist ziemlich aufwändig, das Publikum zu erreichen. Die Kinos programmieren ungern taiwanesische Filme oder sie nehmen sie willkürlich aus dem Programm. Für What time ... haben wir zwecks Publicity anfangs selber mit den Schauspielern auf der Straße Karten verkauft - er wurde dann sehr populär. Die Kinobetreiber rufen inzwischen direkt bei uns an, um unsere Filme zu verlangen.

STANDARD: Im Westen wurden Sie vor allem durch ihre Teilnahme an Festivals bekannt ...

Tsai: Ich mag Festivals sehr, aber sie sind auch ein Set-up: Natürlich funktionieren sie immer noch als Schaufenster. Aber früher ging es mehr darum, Filme abseits von Hollywood zu entdecken. Inzwischen wird der Markt immer wichtiger. Nach zehn Jahren Festivalerfahrung bin ich auch etwas enttäuscht, weil die Leute, die wirklich eine Leidenschaft fürs Kino haben, immer weniger werden - viele sind inzwischen schlimmer als die Leute in Hollywood. Sie wollen vor allem zu günstigen Konditionen einkaufen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2003)

21.10., Gartenbau, 20.30

24.10., Urania, 13.30

  • "Das Kino als öffentlicher Ort..." - Tsai Ming-liang beim Dreh von "Bu san / Goodbye, Dragon Inn"
    foto: image.net

    "Das Kino als öffentlicher Ort..." - Tsai Ming-liang beim Dreh von "Bu san / Goodbye, Dragon Inn"

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