"Teflon Tony" zeigt Wirkung

21. Oktober 2003, 11:07
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Herzrasen des Premiers lässt Briten aufhorchen: Es wird schon spekuliert, ob Blairs zweite Amtsperiode nicht doch die letzte sein könnte

Morgens oder auch spätabends schwitzt er auf dem Hometrainer. Am Wochenende steht Tennis auf dem Programm, manchmal auch Fußball mit den Söhnen Euan und Nicky auf den Wiesen des Landsitzes Chequers. Tony Blair galt immer als der gesündeste Regierungschef, den Großbritannien je hatte. Mit 50 zählt er außerdem zu den Jüngsten. Doch nachdem er am Sonntag mit Herzrhythmusstörungen ins Krankenhaus kam, hat das Bild Risse bekommen.

Tachykardie, das Herzrasen, über das Blair klagte: in der Times ist es ein Fall für Dr. Thomas Stuttaford. Sobald sich Politiker, Prinzen oder Popstars unwohl fühlen, stellt der Zeitungsdoktor die Diagnose. Tachykardie, warnte er am Montag auf Seite eins, damit sei nicht zu spaßen.

Das Herz pumpe nicht mehr richtig, der Patient leide an Atemnot, ihm werde schwindlig, sogar schwarz vorm Gesicht, er schwitze vor Angst. "Der Premierminister wird eher stärker beunruhigt sein, weil schon sein Vater Herzprobleme hatte und einen Schlaganfall erlitt. Der war, als es passierte, ungefähr so alt, wie es Herr Blair heute ist." So weit der Befund. Dann gibt Stuttaford dem Regierenden den dringenden Rat, seinen Lebensstil zu überprüfen. Weniger arbeiten, weniger Stress.

Offiziell klingt alles ganz anders. Einen Tag nach Blairs fünfstündigem Klinikaufenthalt lässt erklärt sein Sprecher, Herzrasen trete häufig auf und sei leicht zu behandeln. Der Premier ruhe sich 24 Stunden lang aus, ab Dienstag arbeite er wieder normal.

Tony Blair im Spital: Für die einen ist es nur eine Episode, für andere eine Zäsur. Der gelernte Jurist gilt als Arbeitstier. 16 Stunden am Tag liest er Akten, verhandelt, hält Reden, führt Fernsehdebatten, und das an fünf, meist sechs Tagen pro Woche. Montags bis freitags kommt er mit fünf Stunden Schlaf aus.

Trotz des immensen Pensums verkörperte er bis vor drei Jahren, als Leo zur Welt kam, das jüngste seiner vier Kinder, den Typ des jungenhaften, dynamischen Machers. Seitdem graben sich die Altersfalten allerdings immer tiefer ins Gesicht. Freunde haben den Oxford-Absolventen schon oft vor den Folgen seines präsidialen Stils gewarnt. Er ziehe zu viel Arbeit an sich, delegiere zu wenig, heißt es.

Das Jahr 2003 setzte ihm besonders hart zu. Im März zog er, gegen die Mehrheitsmeinung der Briten, gegen härtesten Widerstand in seiner Labour-Partei, in den Krieg gegen Irak. Im August musste er vor Lordrichter Brian Hutton aussagen, der untersucht, warum sich der Irak-Waffen- experte David Kelly das Leben nahm. Im September hatte er auf dem Labour-Kongress eine Attacke seines Rivalen, des Finanzministers Gordon Brown, abzuwehren. Hinzu kommt Blairs Drang, sich als Weltstaatsmann aufzuspielen: Kaum ein anderer Politiker sammelte seit dem 11. September so viele Flugmeilen.

Falls der Globetrotter auf den Rat der Ärzte hört, falls er kürzer tritt, bleiben politische Folgen wahrscheinlich nicht aus. In letzter Zeit hat "Teflon Tony", an dem angeblich alles folgenlos abgleitet, immer wieder betont, wie sehr er sich auf eine dritte Amtszeit freue. Vielleicht überlegt er sich's jetzt noch einmal. Dann wäre der Weg frei für Brown, den Kronprinzen. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2003)

Frank Herrmann aus London

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The Times

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    Toni Blair musste wegen Herzrhythmus- Störungen in die Notaufnahme

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