Blutwäsche zur Geisterstunde

23. Oktober 2003, 09:26
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Fachärzte und die Wiener Grünen haben vergangene Woche auf einen - weiteren - Versorgungsnotstand aufmerksam gemacht, der nach Meinung eines erfahrenen Dialysespezialisten durchaus das Attribut "katastrophal" verdient

In Wien warten etwa hundert Patienten auf den Beginn ihrer Dialysetherapie. Es handelt sich um eine Dunkelziffer, denn während die Nephrologen über die Zuwachsraten zur Dialyse und Transplantation sehr genau Bescheid wissen (jährlich zwischen 4 und 7 Prozent, Tendenz steigend!), fehlt über Zahl und Zustand der Patienten, die hier und heute absehbar einer Blutwäsche bedürfen, eine klare Auskunft.

Bekannt ist, dass in Wien und Niederösterreich Dialyseplätze fehlen - aktuell etwa 35; dieser Notstand lässt sich bis Mitte der Achtzigerjahre zurückverfolgen. Er ist in unzähligen Studien, Schriftsätzen, Warnrufen und Krisensitzungen dokumentiert.

Halbe Wahrheiten . . .

Bekannt ist auch seit langem, dass Wien, wie die meisten westlichen Metropolen, einer stillen Epidemie zucker-und nierenkranker alter, zum Teil sehr alter Patienten entgegensieht.

Diese Patienten brauchen überlebensnotwendig früh und effizient eine Dialyse, die in dieser Form in Wien nicht zur Verfügung steht. Das ist kein Engpass, sondern schon ein Nadelöhr.

Ich weiß, wovon ich rede: Als Nephrologe habe ich 1987 die Peritonealdialyse versorgungsrelevant eingeführt, die Ergebnisse der Transplantationsnachsorge deutlich verbessert und die Behandlungszahlen an der Dialyse vervierfacht; meine Abteilung betreute Wien-weit den höchsten Anteil über siebzigjähriger Patienten an der Dialyse.

So weit, so gut - und trotzdem viel zu wenig: Auch das Wilhelminenspital verfügt heute über keinen einzigen freien Dialyseplatz mehr. Das ist kein Nadelöhr, sondern eine Katastrophe.

Zwei medizinische Selbstverständlichkeiten: Zugangsbeschränkung oder Vorenthalten der Dialysetherapie bedeutet für den Patienten den sicheren Urämietod an Harnstoffvergiftung, Herzbeutelentzündung, Krampfanfällen und Wasserlunge. Kein schöner Tod.

Eine zu späte Zuweisung zur Dialyse ("late referral") erhöht die Morbidität und Mortalität an der Blutwäsche signifikant:

Wenn die Patienten zu dieser Therapie zu spät zugewiesen werden, sterben sie trotz Behandlung häufiger ("excess mortality").

Jede chronische Therapie (erst recht, wenn sie häufig durchgeführt werden muss und so lange dauert wie die Dialyse - oft lebenslänglich) wird ein Teil der Krankheit - ein Paradigma der modernen Medizin: Umstand, Verträglichkeit und Qualität der Behandlung ("adequacy") bestimmen den Verlauf oft mehr als die Krankheit selbst.

Was bietet uns in diesem Zusammenhang das teuerste Krankenhaus der Stadt, das AKH, wo ausgewiesene Urämieforscher über das Schicksal ihrer Patienten wachen? Es bietet uns die Dialyse in der "vierten Schicht", Blutwäsche nach der Geisterstunde, ". . . in Österreich und im deutschsprachigen Raum absolut einmalig, ethisch und medizinisch nur kurzfristig als Notmaßnahme akzeptabel . . ." (Zitat aus einer Studie der Österreichischen Gesellschaft für Nephrologie).

Das Allgemeine Krankenhaus dialysiert seit Jahren mit einer vierten Schicht. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe zahlreiche Patienten (bei jeder sich bietenden Gelegenheit) aus der vierten Schicht übernommen, um ihnen Zumutung und Komplikationen einer inadäquaten Therapie zu ersparen.

Zweifellos macht Dialyse nach Mitternacht zusätzlich krank: weitere Verschlechterung des schon urämisch kompromittierten Biorhythmus, höhere Frequenz von Blutdruckabfällen, Stress, Schlaflosigkeit und Krämpfe. Für den Urämiker um fünf Uhr früh ist Wien tatsächlich anders!

Die Zahl der Dialyseplätze werde laufend aufgestockt, bei Engpässen sei aber eine vierte Schicht nicht immer vermeidbar, heißt es vonseiten des KAV (Krankenanstaltenverbund). Das ist zu diesem Problem leider nur die halbe Wahrheit.

. . . sind ganze Lügen

Die andere Hälfte ist vermutlich eine inkompetente Planung, handlungsunfähige Führung und uneinsichtige Gesundheitspolitik, die Ärzten und Pfleger/innen auf diesem Sektor Therapieoptionen aufzwingt, die an anderen Orten, in anderen Zentren durchaus als Kunstfehler gelten könnten.

Während bei Fehlern und Mängeln in den unteren hierarchischen Bezirken Mobbing-artige Kontrollen anrollen, strafversetzt oder suspendiert wird, nimmt die Führung des Krankenanstaltenverbunds, voran die Stadträtin, wehleidig und gereizt die Macht des Schicksals in Anspruch - unter den gängigen Titeln Schwesternmangel, Budgetknappheit, Bundespolitik. Politik nicht als die Kunst des Machens, sondern des Sichherausredens.

Währenddessen suchen die Experten und Fachleute submissest darum nach, die Wahrheit sagen zu dürfen, aber nicht zu laut und nicht zu deutlich, damit zur ungesicherten Therapie nicht auch noch verunsicherte Patienten hinzukommen.

Und wenn es schon gar keinen anderen Ausweg mehr gibt, dann sollen bitte sehr die Niederösterreicher endlich in Niederösterreich dialysieren, daheim ist daheim, und dreimal in der Woche von Gablitz nach Mistelbach oder Horn, Wiener Neustadt oder St. Pölten, das wird man einem 75-jährigen Diabetiker mit Urämie ja noch zumuten können, die Leute machen bekanntlich sowieso viel zu wenig Bewegung.

"Sehen und hören, wie gelogen wird (. . .) nicht offen erklären dürfen, dass du auf der Seite der ehrlichen freien Menschen stehst, selber lügen, lächeln, und das alles um des täglichen Brotes willen, wegen irgend eines elenden Dienstgrades, der keinen Groschen wert ist - nein, so weiter zu tun ist unmöglich!"

Auch so sprechen Ärzte; es ist aber leider schon eine Weile her: Anton Cechov, 1898. (DerStandard, Printausgabe, 20.10.2003)

Autor: Dr. Thomas Meisl ist Internist in Wien; er gründete im Wilhelminenspital die Fachabteilung für Nephrologie, die er bis Dezember 2002 ärztlich leitete
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    In Wien warten etwa hundert Patienten auf den Beginn ihrer Dialysetherapie

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