Eine Zauberei mit Zukunft

26. Oktober 2003, 19:14
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Erschaffer virtueller Welten - auch das Zaubern im Computerzeitalter hat seinen eigenen Reiz

Würde es in der zauberhaften Welt des Harry Potter Computer geben, dann würde Harry wahrscheinlich immer im Netz hängen. Aber auf Hogwarts, dem Internat für Zauberlehrlinge, funktionieren keine Computer, weil die Magie die Elektrizität stört. Leute, die das nicht wissen, sind Muggles - ganz normale Menschen, die von Magie keine Ahnung haben. Wer sich aber auf unzähligen Webseiten über Harry Potter und seine neuen Abenteuer in Band 5 (der am 8. November auf Deutsch erscheint) schlau macht, wird unweigerlich in eine fantastisch animierte Welt gezogen, kann in 3D- Simulationen durch Hogwarts fliegen oder in einem computeranimierten Spiel nachvollziehen, warum Harrys Lieblingssport "Quidditch" heißt.

Solche Spielereien möglich zu machen, mühen sich ganz andere Zauberkünstler ab. Jens Volkert zum Beispiel, Professor am Linzer Institut für Technische Informatik, erschafft virtuelle Welten. "Diese Spiele haben die Hardware-Entwicklung vorangetrieben", sagt Volkert. Erst langsam steigt die Virtual-Reality-Forschung (VR) in höhere Sphären, geht in wichtigere Sparten wie Medizin oder Industrie.

Das Research-Studio AdVISION arbeitet an Augmented-Reality-Anwendungen, in denen die Realität sozusagen erweitert wird. Mithilfe einer Brille wird man künftig sehen können, wie ein neues Haus aussehen wird - noch bevor es gebaut ist. Wer in letzter Zeit das Technische Museum der Stadt Wien besucht hat, kennt die Installation der

Invisible Person, ein Forschungsprojekt des Zentrums für Virtual Reality (VRVis): Hier wird der eigene Körper zum Interaktionsmittel mit einer eigenständig intelligenten Figur, die je nach Verhalten der Besucher reagieren kann.

"Wir versuchen, alles in schöne große Bilder zu transformieren", sagt VRVis-Mitarbeiter Georg Rothwangl, und bei großen Datenmengen ist das sicher leichter gesagt als getan. Das Team hat bereits die Stadt Graz so visualisiert, das man sich im "Visiondome", einem Halbkreis am Boden, eigentlich mitten in der steirischen Hauptstadt wähnt - obwohl das VRVis im 22. Wiener Bezirk sitzt. Harry Potter wäre begeistert. Auch von den laufenden Forschungsprojekten des Seibersdorf-Research-Studios

Smartagents, weil es hier um Spielereien am Handy und ums Lernen geht - und wissbegierig sind Potter & Co allemal.

Die Software für das Pilotprojekt, das in Zusammenarbeit mit Ericsson und Sony läuft, und Avatare (siehe Kasten) auf das Handy zaubert, wurde vom Researchstudio jetzt auch für ein neues Projekt eingesetzt: "Intralife" soll Lerngruppen mithilfe von Agenten verlinken.

Eine Inspiration für Potter-Autorin Rowling als internes Lernsystem auf Hogwarts? Lernen ist das Stichwort für viele VR-Anwendungen - auch für Katastrophenszenarien. Wenn Flüsse über die Ufer treten oder in Raffinerien Gas ausströmt, können virtuelle Welten im Vorfeld helfen, solche Situationen dann in der Wirklichkeit besser zu bewältigen. Zwei Linzer Uni-Institute im Softwarepark Hagenberg haben gemeinsam für die ÖMV ein solches Projekt entwickelt. Bei "Save" simuliert ein Datenhelm Katastrophenszenarien, und die Reaktionen darauf können virtuell durchgespielt werden. Der gute Harry Potter muss seine Abenteuer, wenn auch fiktiv, noch immer in echt bestehen. (Mia Eidlhuber/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 10. 2003)

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