Das Mittelmeer als Schlüsselzone

20. Oktober 2003, 19:04
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Eine Friedensordnung nach Freuds Ideen?

Das Mittelmeer und die angrenzenden Länder der EU und des arabischen Raumes gehören nach Meinung von Javier Solana, EU-Außenpolitikbeauftragter, zu jenen "Randgebieten", für die man nach den Ereignissen des 11. September 2001 eine besondere Strategie entwickeln müsste. Eine Tagung des "Premio Napoli" befaste sich kürzlich mit dieser Problematik. Sie zeitigte überraschende Einsichten.

Bruno Pinchard, Kulturphilosoph aus Lyon, brachte sogar Sigmund Freud ins Spiel. Der Konflikt zwischen dem christlichen Westen und radikalen Gruppen des Islam habe ihn auf Freuds Werk "Moses und der Monotheismus" gebracht. In einer anthropologischen Sicht der Bibel sehe Freud eine Verbindung zwischen Jahwe und dem alten mediterranen Gott Volcano. Freud habe sich für Ersteren entschieden, die spätere, auch auf Volcano fußende Tradition von Vergil über Dante bis Giambattisto Vico berge die Chancen eines Neuanfangs an den Gestaden des Mittelmeers.

Nach Meinung des französischen Philosophen Alain de Benoist hatte schon der Fall der Berliner Mauer mehr Dimensionen als nur das Ende des Ost-West-Konflikts und des Kalten Krieges. Die bisherigen Raum- und Zeitbarrieren seien gefallen und ersetzt worden durch schwer lokalisierbare und von Staaten unabhängige Phänomene wie Terrorbewegungen einerseits und Kapitalbewegungen andererseits. Einen Neuanfang sah Benoist in der Besinnung auf Modelle von Heimat.

Der neapolitanische Ökonom Franco Cossino wiederum sieht seit 1989 einen permanenten Verfall der "sozialen Vernunft", weil ein wichtiges Prinzip der westlichen Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschädigt worden sei: dass der Markt eine Bedingung politischer Freiheit sei. Weil die Wirtschaft auch in der Politik das Kommando übernommen habe, seien in der 3. und 4. Welt fundamentalistische Befreiungsbewegungen häufiger geworden, im Westen der protestantische Fundamentalismus. Weshalb man dem Nobelpreisträger Joseph Stiglitz zustimmen müsse: "Verabschieden wir uns endlich vom Markt-Fundamentalismus." (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 20.10.2003)

Gerfried Sperl aus Neapel
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