Auf oder Ab?

4. Jänner 2004, 19:49
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Optimisten meinen, die Aktienhausse hat gerade erst begonnen - Andere warnen vor einer „Bärenrally“ - Gastkommentar von Michael Margules

Die Aktienhausse hat gerade erst begonnen behaupten jeweils die Optimisten. Tatsache ist und bleibt jedenfalls, daß die internationalen Aktienindizes seit dem Tiefst im März 50 Prozent und mehr zugelegt haben, von einigen Schwellenländerbörsen (China, Moskau, Buenos Aires) nicht zu reden . Die Kurse bewegen sich derart kontinuierlich nach oben, daß die Investoren sich fast in die guten alten Bullen-Zeiten der 90er Jahre zurückversetzt fühlen. Stets blieben jedoch warnende Stimmen, die den ganzen Anstieg als eine weitere „Bärenrally“ ansehen, mit unverändert hohem Rückschlagspotential für die Kurse und Märkte. Welche Fakten könnten den Bären an den Börsen aus heutiger Sicht ein Schippchen, respektive in die Kerbe der Optimisten schlagen? Eine Aufzählung ohne Anspruch auf Vollzähligkeit und-Wertigkeit.

Tiefe Zinsen zwingen zum Aktienkauf

Das nach wie vor niedrige Zinsniveau ist ein weiteres und altbekanntes Argument für Aktienanlagen. Selbst wenn die Obligationenrenditen noch etwas steigen sollten – eine Alternative zu Aktien sind sie auf diesem tiefen Stand kaum. Bonds(Anleihen) waren so lange attraktiv, als Kapitalerhaltung vor Vermehrung ging. Solch ein Ziel ist aber nur in Krisenzeiten sinnvoll. Jetzt, wo sich die Anzeichen einer Konjunkturerholung mehren, kann eine Rendite von 2,5 oder 3 Prozent nicht mehr locken – ein weiterer Pluspunkt für die Aktien. Je mehr die Renditedifferenz zu Gunsten der Aktien ausschlägt, desto stärker wird die Verlockung oder vielmehr der – für institutionelle Investoren (Pensionskassen, Versicherungen) nicht unbeträchtliche – Druck, wieder Aktien zu kaufen und schliesslich gar kaufen zu müssen.

Liquidität stützt Aktienkurse

Durch die Tiefzinspolitik der Notenbanken ist das Finanzsystem der Industrieländer hoch liquide. Kredite stehen zu günstigen Bedingungen bereit, was schon den Immobilienmarkt beflügelt hat. Mit wachsender wirtschaftlicher Zuversicht wird auch die Vergabe in andere Wirtschaftsbereiche zunehmen, und zumindest ein Teil dieser Liquidität landet schliesslich auch am Aktienmarkt. Liquidität ist der zweitwichtigste Antriebsmotor der Aktienbörsen, übertroffen nur noch von den emotionellen Faktoren Angst oder Gier. Nachdem die Angst die Märkte lange dominiert hat, ist sie dank der Kurserholung der letzten Monate etwas abgeklungen. Liquidität regiert jetzt wieder die Märkte, und da zu viel Geld zur Verfügung steht – und noch dazu in gering rentierenden Veranlagungsformen wie den Geldmarkt geparkt ist - wird dieses unter anderem an den Aktienbörsen landen.

Unternehmen sind restrukturiert

Die Rezession der letzten Jahre hat, wie gewöhnlich, viele Schwachpunkte in den Unternehmen offen gelegt. Falsche Strategien wurden korrigiert, zu teure, im (Wirtschafts- und Börsen)Boom geschaffene ineffiziente Strukturen sind entrümpelt und vereinfacht worden. Die Schönwetterkapitäne im Management mussten von der Kommandobrücke abtreten und teils Sanierern, oft aber vorsichtig-realistischen, erfahreneren Führungskräften Platz machen. Insgesamt dürfte die Unternehmenslandschaft heute, zumindest vereinzelt, in Europa (Frankreich, Großbritannien) und in den USA strukturell in einem besseren Zustand sein, als sie es Ende der Neunzigerjahre war. Wer jetzt Aktien kauft, bekommt sie teilweise noch immer günstiger als vor fünf Jahren, und was der Anleger kauft, ist von besserer Qualität.

Weit weg vom Höchst

Die Indizes aller Börsen sind weit von ihren Höchst entfernt, die sie in den Jahren 1998 (Zürich) bis 2000 (New York, Frankfurt) gebildet hatten. Dafür gibt es natürlich Gründe. Durch die Rezession der letzten Jahre sind die Gewinne der Unternehmen geschrumpft, was unweigerlich tiefere Kurse nach sich ziehen musste. Aber die Baisse hat auch zu einem viel vorsichtigeren Verhalten der Anleger geführt. Viele Aktien büssten selbst dann an Wert ein, wenn ihre Gewinne weiter kletterten. Es kam deshalb zu einem Rückgang der Kurs-Gewinn-Bewertungen, ein deutliches Zeichen einer zunehmenden Anlegervorsicht.

Konsequenz: Buy on the dip?

Hält man diese wie auch andere positiven Faktoren für korrekt und realistisch, so wäre die unweigerliche Konsequenz daraus, jegliche Kursschwäche in der unmittelbaren Zukunft zum Kauf von Aktien zu nutzen. Doch noch haben die Pessimisten nicht nur ein gewichtiges Wörtchen an den Börsen mitzureden, sondern wissen auch etliche Faktoren nach wie vor auf ihrer Seite.

Nachlese

--> Groß, größer, General Electric
--> USA in der Wachstumsfalle?
--> Buy on bad News!?
--> Die Schlechten ins Kröpfchen, ...
--> Hausse, Bärenmarktrallye oder Blase?
--> Anlagetipps von und mit George W. Bush
--> Alan Greenspans Heiratsantrag
--> Das 1x1 der Aktienbewertung
--> Wer hat Angst vor Fannie und Freddie?
--> Spieglein, Spieglein, an der Wand ...
--> High Noon zwischen Anleihen und Aktien
--> Bitte am Shareholder Value festhalten
--> Politischer Einfluss stützt Aktienrally
--> Widersprechen sich Aktien- und Bondmärkte?
--> Börsianer warten auf das Unwetter
--> Indexieren passé, Investieren olé
--> Der Dollar fällt und fällt und fällt ...
--> Vorsicht, Crash-Gefahr
--> Wieviel Seiten hat die Medaille?
--> Wo geht's hier zum Wachstum?
--> "Sell in May and go away ..."
--> Börsen vor der Trendwende
--> Drei Jahre Baisse reichen
--> Einer wird gewinnen
--> Schweigen in der Folterkammer
--> Politik beeinflußt die Börsen wenig
--> Die Baisse kann bis 2018 andauern...
--> 1:0 für Anleihen
--> Arme Rentner
--> Kanonendonner oder Kursfeuerwerk?
--> Gratis-Kredit für den Chef
--> Aktien-Lotto
--> Quo vadis, Greenback?
--> 100 minus Lebensalter = Börsenerfolg
--> „Bob the builder“ und US-Präsident Bush
--> Aktien oder Anleihen: The winner is ...
--> Dow Jones in Richtung 120.000
--> "Baissemarkt bis 2018"
--> Eine schöne Bescherung
--> Von Analys(t)en und Abhängigkeiten
--> Börsen vor "Happy Wende"
--> Wenn der Zauber nicht wirkt
--> Contrariens unter der Lupe
--> Börsencrash revisited
--> Jim Rogers küsst wieder in Wien
--> Bush, Greenspan, Bin Laden ...
--> Zum Verkaufen zu spät, zum Kaufen zu früh
--> Japan ist einen Börsenblick wert
--> Wie sicher sind Versicherungsaktien?
--> Droht ein neuer Ölpreisschock?

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.
  • Die Kurse bewegen sich derart kontinuierlich nach oben, daß die Investoren sich fast in die guten alten Bullen-Zeiten der 90er Jahre zurückversetzt fühlen. Stets blieben jedoch warnende Stimmen, die den ganzen Anstieg als eine weitere „Bärenrally“ ansehen, mit unverändert hohem Rückschlagspotential für die Kurse und Märkte.
    foto: epa/kanter

    Die Kurse bewegen sich derart kontinuierlich nach oben, daß die Investoren sich fast in die guten alten Bullen-Zeiten der 90er Jahre zurückversetzt fühlen. Stets blieben jedoch warnende Stimmen, die den ganzen Anstieg als eine weitere „Bärenrally“ ansehen, mit unverändert hohem Rückschlagspotential für die Kurse und Märkte.

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