Nur der wahre Name macht den echten Räuber

27. Oktober 2003, 19:04
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Ein Groß-Vater der Kinder- und Jugendliteratur wurde 80: Otfried Preußler - Mit Geburtstagsalphabet

Ein Groß-Vater der Kinder- und Jugendliteratur wurde 80: Otfried Preußler nahm dies zum Anlass, von seiner Zurückhaltung in Sachen Interviews abzusehen. Die Folge: Ausführungen zu "magischen" Namen wie "Hotzenplotz" und einer Fantasie, die einen festen Boden braucht.


München/Wien - "Ich habe mich nie um den ,Markt' geschert", sagt Otfried Preußler und lacht in eine familiäre Runde von Journalisten, die sich in einer Gaststube im Münchner Spatenhaus rund um ihn versammelt hat. Man sieht: Sehr wohl kümmert sich der "Markt" seinerseits um ihn, den "Langsamarbeiter", der sich in seiner gründlichen Art ein Schielen nach Moden "gar nicht hätte leisten können": "Wenn ich fertig bin, sind die so genannten Trends längst wieder abgefahren."

Heute wird Preußler 80. Unzählige Preise hat er für Werke wie Krabat oder den Räuber Hotzenplotz erhalten, 32 Bücher hat er insgesamt geschrieben, die ihrerseits in 55 Sprachen übersetzt eine Gesamtauflage von rund 50 Millionen erreichten. Zwölf Prozent des jährlichen Gesamtgeschäfts des deutschen Thienemann Verlags verdankt sich noch heute den Werken Preußlers: Der Verleger kann also gut damit leben, wenn sein Erfolgsautor mittlerweile kaum noch für Pressearbeit zur Verfügung steht.

Warum auch? Wenn Fragen unbedingt beantwortet werden müssen, dann sind es, so der Dichter, jene von jungen Lesern, die ihm bis zum heutigen Tag in Briefen persönliches Leid klagen oder einfach Fortsetzungen für den Hotzenplotz oder Die kleine Hexe ("eines der frühen mutigen Mädchen in der Kinderliteratur") senden. "Noch heute versuche ich, allen zurückzuschreiben, sofern ein Absender auf dem Kuvert angeführt ist. Kinder nehmen das ernst. Sie sind auch die strengsten Kritiker."

Was notwendig ist, um ein junges Publikum nicht zu langweilen - Otfried Preußler erfuhr es selbst als Kind. "Ich komme aus einer Landschaft, in der sehr viel erzählt worden ist", gedenkt er seiner frühen Jahre im nordböhmischen Reichenberg. "Mein Vater hat viel erzählt: unerhörte Erlebnisse, Märchen, Sagen. Man saß am Abend unter der Petroleumfunzel, und da wurde erzählt. Darunter viel Zwielichtiges."

Ein "unerhörter Fundus" habe sich da angesammelt, den man uns auch "nach der Vertreibung nicht wegnehmen konnte - und ich habe viele miese Zeiten erlebt". Kriegsgefangenschaft, "vier Jahre Zwangsarbeit unter Stalin" - und dabei ein Bild in Erinnerung: "Die ganze Bibliothek meines Vaters landete auf der Straße, bei Regen und Schnee. Es hat lange gedauert, bis ich gewisse Bücher, die mich in meiner Kindheit begleitet haben, in Antiquariaten wieder erstehen konnte."

Nicht wenige davon, so Preußler, seien ihm dann "dürr" erschienen. "Kinder lesen langsamer als Erwachsene. Sie haben also Zeit, in ihrer Fantasie die Stoffe reich zu machen. Wenn ein Kind ,Baum' liest, stellt es sich in seinem Kopf eine im Sonnenlicht schimmernde Baumkrone vor." Man könne und solle mit seinen literarischen Mitteln also sparsam umgehen. "Nur keine langen Sätze!"

Beruhigungsmethoden

Insofern war es wahrscheinlich eine gute Übung, das erste eigene Buch mit einer Volksschulklasse im oberbayrischen Rosenheim (Preußler lebt noch immer dort) entwickelt zu haben: "Der Schulmeister, bei dem ich in die Lehre ging, konfrontierte mich mit bis zu 52 Kindern in einem Raum und sagte: ,Wenn Ihnen die durchgehen, dann spielen Sie ihnen auf der Geige was vor.' Ich hab mich stattdessen aufs Erzählen verlegt."

So entstand irgendwann einmal Anfang der 50er-Jahre Der kleine Wassermann. Es folgte eine beispiellose Reihe von Büchern, die sich über alle Trends und Moden hinweg ("antiautoritäre Literatur" zum Beispiel: da spart Preußler nicht mit Spott) eine Leserschaft bewahrt haben. Und über alle Generationen hinweg kommen immer wieder Fragen wie: Woher kommt der Name "Hotzenplotz"?

"Ja, woher? Als Kind schon haben mich Namen fasziniert. Zum Beispiel: der Raubmörder Karasek! Was schwang da nicht alles mit. Und so auch beim Hotzenplotz: Erst als ich den Namen hatte, wusste ich auch, wer dieser Räuber war." Eine Pfefferpistole und sieben Messer und ein weiterer Bösewicht namens Petrosilius Zwackelmann ergaben sich da praktisch von selbst.

Wie auch die genialen Illustrationen von F. J. Tripp. "Ich habe den Zeichnern nie dreingeredet", sagt Preußler, der bebilderte Erzählungen nur bedingt mag. "Illustrationen legen die Fantasie des Lesers fest." Kein Wunder, dass er bei seinen späteren Meisterwerken Die Abenteuer des starken Wanja, Die Flucht nach Ägypten oder dem Schauderroman Krabat zunehmend weniger Platz dafür einräumte. Wichtiger ist ihm, dass eben die Ortsnamen - "Schwarzkolm"! - ein Saite zum Klingen bringen. Dass da eine Landschaft ist, in der sich der Leser einrichten kann. "Fantasie ist schön", so Otfried Preußler. "Ich habe aber immer gerne einen festen Boden dabei."

Und wie ist es dann mit der realen Kindheitslandschaft im Schatten des Riesengebirges, die er später immer wieder, zunehmend sporadisch besuchte? Was ist mit Reichenberg? "Städte können schrecklich fremd werden", sagt der Schriftsteller mit einem wehmütigen Lächeln. "Heimat - das sind die Menschen. Wenn die weg sind, dann stehen da nur noch Häuser." (DER STANDARD, Printausgabe vom 20.10.2003)

Von
Claus Philipp

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  • Gratulation!  Otfried Preußler feierte seinen 80. Geburtstag.
    foto: verlag

    Gratulation! Otfried Preußler feierte seinen 80. Geburtstag.

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    Otfried Preußler, Erfinder des Räuber Hotzenplotz, über sein junges Publikum: "Kinder lesen langsamer. Sie haben also Zeit, in ihrer Fantasie die Stoffe reich zu machen."

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