Privatisierte Traiskirchener Flüchtlingstristesse

21. Oktober 2003, 19:57
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Traiskirchens neuer Lagerleiter Dietmar Awißus strebt punktuelle Verbesserungen an und steht jahrzehntelangen Versäumnissen gegenüber

Traiskirchen - "Für mich sind sie alle gleich", sagt Dietmar Awißus inmitten lauer Essensdüfte. Der neue organisatorische Leiter des Flüchtlingslagers in Traiskirchen meint die multinationale Schar von Asylwerbern, die im Speisesaal von Österreichs größter Bundesbetreuungsstelle um ihre warme Mittagsmahlzeit Schlange steht.

Awißus meint "gleich" im Sinne von "einer wie der andere", gleich wie Soldaten, für deren Unterbringung der 47 Jahre alte Sachse einst als Stabschef der DDR-Volksarmee verantwortlich war. Nicht gleich im Sinne von "egal", wie es der baufällige Zustand mancher Abteilungen im Lager nahe legt.

Schiefe Böden

Die Stockbettenburgen für Männer in Haus eins etwa. Hier sind die Böden schief und die Fensterrahmen hängen undicht in den Mauern. Diese sind über und über bekritzelt: "Triskirchen" hat jemand groß an eine Wand geschrieben. "Wir haben die Räumlichkeiten so übernommen, wie sie waren", stellt Awißus klar.

Diese Bemerkung ruft Innenministeriumsvertreter Franz Schabhüttl auf den Plan: Man könne diesen Trakt nicht renovieren, weil die Gemeinde Traiskirchen die Baugenehmigung verwehre. Doch auch Traiskirchens Bürgermeister Fritz Knotzer (SP) hat seine Gründe: "Das Ministerium plant den Ausbau des Lagers. Schon die jetzigen rund 1000 Asylwerber sind für die Gemeinde zu viel." Resultat: Der Flüchtlingssubstandard bleibt bestehen.

"Die Situation ist nicht hoffnungslos", verkündet Awißus dennoch. Er weist auf "einige Verbesserungen" unter der Ägide von European Homecare hin: Ein Infopoint für Lagerinsassen wurde eingerichtet, ein großer Saal als Aufenthaltsraum adaptiert, man werde auch einen Fernseher hineinstellen. Bisher hat es Derartiges nicht gegeben.

Kaffeetreff, Billardraum, Videokino

Auch mit "Kaffeetreff, Billardraum, Videokino" habe er in deutschen Aufnahmezentren "sehr gute Erfahrungen gemacht", führt der Exmilitär fort. Den oft unter traumatischen Umständen aus der Heimat geflohenen, ins Land geschleppten Asylwerbern ermöglichten solche Angebote, "ein wenig abzuschalten".

Ihre Errichtung jedoch setze "ein bisschen Platz" voraus. Und Geld, das der Privatfirma vom Bund nicht sehr reichlich zukommt: 12,89 Euro pro Tag und Flüchtling. Zum Vergleich: Pensionsinhaber, die Asylwerber aufnehmen, bekommen 15 Euro.

Pensionszimmer für Asylwerber stehen dennoch viel zu wenige zu Verfügung. Die Bürgermeister in den Gemeinden legen sich quer, schildert Schabhüttl. Da kommt Awißus ins Vergleichen: In Deutschland gebe es keine solchen lokalen Einspruchsmöglichkeiten, die Bundesländer seien zur Versorgung der Flüchtlinge verpflichtet. Dafür seien aber auch die Zäune rund um die bestehenden Flüchtlingszentren höher: "Da gibt es sogar Stacheldraht." (Irene Brickner, Der Standard, Printausgabe, 20.10.2003)

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    Eine multinationale Schar von Asylwerbern wird von österreichs größter Bundesbetreuungsstelle betreut

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