Deutscher Experte: "Menschenversuche der üblen und kriminellen Art"

21. Oktober 2003, 16:11
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Laut Professor Dr. Fritz Sörgel ist die Schwelle zum Kriminellen überschritten

Nürnberg/Hamburg - Der deutsche Wissenschaftler Professor Dr. Fritz Sörgel bewertet den Doping-Skandal in den USA als einen Beleg dafür, "das die Schwelle zum Kriminellen im Bereich des Sportes und des sich Dopens längst überschritten ist". Zugleich weist er auf die Gefahren hin, die von dem erstmals in einem Doping-Labor getesteten anabolen Steroid Tetrahydrogestrinone (THG) ausgehen können.

Chemiker wissen genau was sie tun

Der Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg-Heroldsberg spricht gegenüber der dpa von "modernen Menschenversuchen der übelsten und kriminellen Art. Die Chemiker, die so etwas herstellen, wissen genau was sie da tun".

Laut Sörgel kommt die Substanz THG in der "gesamten veröffentlichten Medizinliteratur kein einziges Mal vor. Jeder, der es einnimmt, weiß nicht, was passiert." Die Entwicklung einer solchen Substanz erfordere eine "erhebliche pharmakologische Kompetenz". Kleinste chemische Veränderungen an einem Arzneistoff könnten zu seiner Wirkungslosigkeit führen, aber auch dazu, dass ein vorher gut verträglicher Stoff zu einer "chemischen Bombe" wird.

Gezielte Entwicklung des Stoffes

Im Fall des Gestrinons, das zu THG verändert wurde, sei die Ausgangslage klar gewesen: "Man wollte einen Stoff finden, der nicht leicht nachweisbar ist und der sich im Körper anders verhält als die anderen Steroide."

Durch geschickte chemische Veränderungen sei es möglich, den Stoff so zu gestalten, dass er sich hauptsächlich in den Geweben aufhält und nur in minimaler Konzentration im Urin auftaucht. "Wenn die Doping-Fahnder nach diesem Stoff nicht suchen, weil sie nicht suchen können und weil sie ihn gar nicht kennen, haben die so gedopten Athleten natürlich ein leichtes Spiel", sagte Sörgel.

Weltweite Menschenversuche

Der Wissenschaftler meint, dass "weltweit richtig gehend Menschenversuche stattfinden, in dem Arzneistoffe, die man unter regulären Bedingungen zunächst nur ganz vorsichtig an sehr wenigen Menschen testen würde, hier massenhaft auf Sportler verteilt werden". Sörgel weist darauf hin, dass die Wirkung von THG "zum gegenwärtigen Zeitpunkt überhaupt nicht abgeschätzt werden kann. In jedem Fall sollten die positiv getesteten Sportler auf Schäden hin untersucht werden".

Sörgel "vermutet, dass es längst richtige Pharmakologie-Labore gibt, die in unverantwortliche Weise alles, was auf Grund pharmakologischer Lehrbücher nur halbwegs Erfolg versprechend leistungssteigernd wirkt, am Menschen - ohne jeden Tierversuch - testen". Diese "kriminellen Elemente" setzten alles daran, andere Stoffe chemisch so weit abzuwandeln, "dass sie eine besondere Wirkung verursachen ohne nachweisbar zu sein. Dies würde über kurz oder lang zu "schwersten Zwischenfällen und Todesfällen führen". (APA/dpa)

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