"Kleine, in Gott verliebte Frau" selig gesprochen

22. Oktober 2003, 09:43
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Vor 300.000 Gläubigen sprach Papst Johannes Paul II. am Sonntag in Rom Mutter Teresa nur sechs Jahre nach ihrem Tod selig

Bunte Saris, indische Tänzerinnen, Blumengebinde, Räucherstäbchen, exotische Klänge, Blütenblätter: Es war eine farbenprächtige Zeremonie, bei der am Sonntag in Rom Mutter Teresa selig gesprochen wurde. Viele der 300.000 Menschen hatten die ganze Nacht an den Kolonnaden des Petersplatzes ausgeharrt. Doch auf den besten Plätzen saßen diesmal 2000 Arme und Obdachlose - betreut von den Missionarinnen der Nächstenliebe, deren Orden Mutter Teresa gegründet hatte.

Tief gebeugt und mit zitternder Stimme würdigte Johannes Paul II. die 1910 in Skopje geborene Agnes Gonxa als "kleine, in Gott verliebte Frau". Er habe "diese mutige Frau immer neben sich verspürt", erklärte der Papst. Sie habe "Gott unter den Ärmsten der Armen gedient", sagte er zum Einsatz der 1979 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Ordensfrau. Erzbischof Leonardo Sandri las die Würdigung anstelle des erschöpft wirkenden Papstes.

Rekordzeit

Jubel und Applaus begleiteten die Enthüllung des Bildes von Mutter Teresa auf der Fassade des Petersdoms - auch in Kalkutta, wo vor dem Ordenshaus Zehntausende die Zeremonie auf Großbildschirmen verfolgten. In der Liste der von Johannes Paul II. Seliggesprochenen nimmt die Mazedonierin nur Rang 1314 ein. Doch sie ist nicht nur die weitaus populärste in dieser Liste. Eine Seligsprechung nur sechs Jahre nach dem Tod - das ist Rekord. Wesentlichen Anteil daran hatte die Inderin Monica Bersa, die ebenfalls am Festakt teilnahm. Sie soll nach einem Gebet zu Mutter Teresa von einem Krebsleiden geheilt worden sein. Die Heilung ist allerdings umstritten.

Die albanisch-stämmige Mutter Teresa war 1928 nach Indien gegangen, wo sie zwei Jahrzehnte unterrichtete, bevor sie beschloss, ihr Leben in den Dienst der Armen zu stellen und einen eigenen Orden zu gründen. Heute betreuen die 4500 Missionarinnen der Nächstenliebe Schulen, Krankenhäuser und Hospize in 133 Ländern.

Am Rande der Seligsprechung machten am Sonntag bei sommerlichen Temperaturen vor allem die Souvenirhändler gute Geschäfte. Blau-weiß umrandete Tücher mit dem Bild von Mutter Teresa wurden für fünf und zehn Euro zu Tausenden verkauft. Freiwillige Helfer verteilten Zehntausende Flaschen Mineralwasser an die Gläubigen.

Die Sanitäter mussten sich auch um einen Mann kümmern, der sonst selbst einen prominenten Kranken betreut: Der Leibarzt des Papstes, Renato Buzzonetto, erlitt in der Sonne einen Schwächeanfall. (Gerhard Mumelter aus Rom, Der Standard, Printausgabe, 20.10.2003)

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    Zur Heiligsprechung werden zahlreiche "Missionarinnen der Nächstenliebe" in Rom ewartet

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