Kein Stein bliebe auf dem andern

31. Oktober 2003, 10:04
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Zumindest wenn die Musikbranche genügend Fantasie hätte. Doch deren Manager bremsen, und Vordenker stehen - noch - allein da. Walter Gröbchen, Onlineverleger und Artists-&-Repertoire- Mann bei zwei großen Labels in Deutschland, im Gespräch mit Michael Freund.

  • Wie ist die Stimmung bei Universal und bei Warner in Deutschland?

Gröbchen: Die Stimmung? Einerseits fast schon klischeehaftes "business as usual", oft absurd mit Realitätsverdrängung, mit "Ho ruck!"- und Durchhalteparolen verbrämt, andererseits geprägt von Lethargie, Angststarre, Kulturpessimismus, Resignation. Bei den Majors in Wien wartet man auf Nachrichten aus Deutschland, in Berlin, Hamburg, Köln und München wartet man auf Nachrichten aus London, dort wiederum, selbst in Gütersloh, auf Nachrichten aus Übersee. Das Kartell der "Big Five" sucht sein Heil in Elefantenhochzeiten, alle reden mit allen, aber keiner weiß, wer oder was kommt.

  • Die Aktivitäten kontra illegales und pro legales Downloaden richten sich offenbar hauptsächlich an Teenager. Was bringen Kampagnen, die an die Ethik appellieren ("copying music is killing music" etc.)? Werden deren Effekte irgendwie - gar wissenschaftlich - untersucht?

Gröbchen: Ich fürchte, moralische Appelle nützen wenig - weil unsere Gesellschaft, insbesondere die Medien- und Kulturindustrie, seit langem eine Entwertung kultureller Substanz zugunsten raschen Profits betreibt und daher das Wort "Ethik" im Mund von CEOs immer hohl und hohler tönt. Gut gefallen hat mir der Ansatz von Steve Jobs, dem Apple-Vordenker, der ja die Herren in den Plattenfirmen-Chefetagen älter aussehen lässt, als sie sind. Jobs stellt einerseits dem Konsumenten den Freibrief für "Rip. Mix. Burn." (Apple-Werbespruch) aus, fordert ihn also förmlich auf, den technischen Stand der Dinge lustvoll zu nutzen. Andererseits stellt er klar, dass Diebstahl schlechtes Karma verbreitet. Der Apple iTunes-Webstore zeigt nach wie vor am überzeugendsten, wie ein gutes legales Download-Angebot auszusehen hat. Demnächst auch für Windows.

  • Jim Griffin, laut CNN der "schärfste Verstand in der Musikindustrie", sagt, dass sogar in Österreich offiziell nicht mehr als 2,59 Dollar pro Kopf und Monat für Musik ausgegeben wird (obwohl Österreich mit den Pro-Kopf-Ausgaben für Musik angeblich weltweit an zehnter Stelle liegt) und dass die faktischen Kosten eher bei 1,75 Dollar liegen. Er schlägt eine "flat fee" analog den Versicherungskosten als Lösung vor. Ist das machbar?

Gröbchen: Jim Griffin (siehe http://www.mica.at/news/ ) ist einer der originellsten Querdenker des Business und geht an die Problemstellung, die sich aus der Ära der digitalen Reproduzierbarkeit der Inhalte ergibt, radikal heran. Die Idee, die Summe, die jeder Konsument durchschnittlich im Jahr für Musik auszugeben bereit ist (und die liegt tatsächlich in der genannten Größenordnung), pauschal durch Gesellschaften ähnlich der AKM oder GIS einzuziehen und den Ertragskuchen auf Künstler und Rechteinhaber zu verteilen, hat etwas für sich. Es würde nur in vielen Bereichen - Handel, Plattenfirmen, Medien, Verwertungsgesellschaften usw., usf. - kein Stein auf dem anderen bleiben. Ich fürchte, dafür reicht bei vielen die Fantasie nicht aus.

  • Woher beziehen Sie Ihre Informationen über das Musikbusiness - ich meine nicht so sehr die letzten Bilanzzahlen als die grundsätzlicheren "Hintergrund"-Informationen, die langfristig etwas aussagen können und die nach Ihren bisherigen Erfahrungen brauchbar waren?

Gröbchen: Ich bin A&R-Manager. Hinter der Bezeichnung versteckt sich die Funktion eines Trüffelschweins, das "artists & repertoire" sucht - Künstler und Projekte also, die das Publikum in der näheren Zukunft tunlichst zu begeistern vermögen. Es ist der spannendste Job, den die Musikbranche zu bieten hat. Um ehrlich zu sein: Ich mache mir keine Sorgen um meine berufliche Zukunft. Wir leiden ja nicht unter einem Unterangebot an Musik. Auch nicht an guter, wirklich guter Musik. Im Gegenteil: Viele Menschen fühlen sich vom Überangebot förmlich erdrückt. Wir leiden an einem Unterangebot an Information und Qualitätskriterien, an einem Mangel an Kritikern, Radiomoderatoren, Journalisten, die die Spreu vom Weizen trennen können und dürfen.

Meine Informationsquellen? Keine besonders exotischen oder esoterischen. So ziemlich alles zwischen Financial Times, Spex, FM4 und Mundpropaganda.

  • Wie definieren Sie die Rolle von "Tonspion"?

Gröbchen: "Tonspion" ist ein Musikmagazin auf der technischen und inhaltlichen Höhe der Zeit. Und eine der wenigen Möglichkeiten, unkompliziert, kostenlos und legal an MP3-Hörproben neuer, interessanter Künstler zu gelangen. Eigentlich ein ideales, weil glaubwürdiges und mit Geschmack ausgestattetes Promotion-Vehikel, egal ob Indie-Kleinlabel oder Major. Aber viele haben die Idee, ein Publikum abseits der ausgetrampelten Video- und Formatradiokanäle zu suchen, zu finden und zu überzeugen, noch nicht verstanden. - es soll ja immer noch Manager geben, die sich beim Stichwort "MP3" bekreuzigen. Ich fand die Idee des Berliners Udo Raaf jedenfalls so überzeugend, dass ich mich im Frühjahr am "Tonspion" beteiligt habe. Und das Publikum schätzt dieses Angebot erst recht, wie die Zugriffszahlen und Reaktionen zeigen.

  • Gibt es auch Hoffnungsschimmer?

Gröbchen: Ja. Es wird uns alle noch kräftig durch- und einige abschütteln - aber um die Musik selbst muss man sich keine Sorgen machen. Gerade hierzulande gibt es positive Signale. So hat gerade der Wiener Wirtschaftsförderungsfonds signalisiert, die lokale Musikwirtschaft fördern und stärken zu wollen. Angesichts des Wellengangs auf den Weltmeeren ein mutiger und Mut machender Schritt.

Walter Gröbchen, 41, ist Verleger und A&R Consultant in Berlin und Wien. (Der Standard Printausgabe 18/19.19.03, Michael Freund)

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