Kleine Unternehmer und andere Atypische

24. Oktober 2003, 19:08
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Laut einer Studie sind in Österreich bereits eine Million ArbeitnehmerInnen atypisch Beschäftigte - Nun hat sich auch die Gewerkschaft des ursprünglichen "Klassenfeindes" angenommen

Von der Politik hoch gelobt, gefördert und auch gefordert, sind sie wahrlich nicht immer freiwillig atypisch geworden.

Allein und einsam sind sie, die vielen Abertausenden Ein-Personen-Unternehmer (EPU), die EMUs (Ein-Mann-Unternehmen) und EFUs (Ein-Frau-Unternehmen), die Männer und Frauen, die nichts zu vermitteln haben außer sich selbst. Ihnen allen gemein ist, dass sie keinen normalen Dienstvertrag haben, sondern teilzeitbeschäftigt, befristet oder geringfügig beschäftigt, freie Dienstnehmer oder die viel zitierten neuen Selbstständigen sind.

Wachsende Gruppe

Seit der Gewerbeordnung aus dem Jahr 1998 ist ihre Zahl stetig im Zunehmen, nur in Österreich, sondern auch international. Ob das positiv oder negativ zu werten ist, darüber scheiden sich die Geister, je nach politischer Einstellung. Gemeinsam ist ihnen also, dass sie nur sich selbst haben, doch damit hat es sich auch schon. Wesentlich ist der großen Gruppe der EPUs vielmehr ihre Heterogenität, die Unterschiedlichkeit, was ihre Tätigkeit und auch was ihren Lohn anlangt.

Nach einer im Jahr 2000 im Auftrag des Arbeitsmarktservices durchgeführten Studie kann das Jahresnettoeinkommen zwischen 5000 und 54.000 Euro variieren. In 30 qualitativen Interviews sowohl in städtischen als auch ländlichen Gebieten Österreichs wurden 19 EPUs und elf Neue Selbstständige aus drei verschiedenen Qualifikationsebenen auf Herz und Nieren überprüft.

Dabei stellten sich folgende Gründungsmotive heraus:

Ökonomie der Not

- mangels entsprechender Alternativen auf dem normalen Arbeitsmarkt - aber was ist schon noch normal? - gingen sie in Bereiche, die wenig Startkapital erfordern und auf die Bedürfnisse kleiner und lokaler Märkte abgestellt sind. Laut Studie ist die Einkommenssituation dieser Gruppe wenig stabil und teilweise prekär, sprich angespannt.

Die Selbstverwirklichung

- diese Gruppe hätte eigentlich gute Chancen am Arbeitsmarkt, will aber eher keine weisungsgebundene Tätigkeit. Diesen Selbstständigen ist ein hohes Maß an Eigenständigkeit sowie der Wille zum Erfolg gemein.

Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Freizeit

- in dieser Gruppe finden sich vorwiegend Frauen, wobei sowohl Motive der ökonomischen Not als auch des Wunsches nach Selbstverwirklichung anzutreffen sind.

Verselbstständigung durch den Arbeitgeber

- gar nicht so wenige der neuen Selbstständigen wurden vom früheren Arbeitgeber in das angeblich freie Unternehmertum gezwungen, sie wurden einfach "outgesourct".

Entsprechend diesen vielfältigen Motiven gibt es auch die unterschiedlichsten Formen der atypischen Beschäftigung: von der befristeten Beschäftigung, Teilzeit- und Gelegenheitsarbeit, verschiedenen Formen der Scheinselbstständigkeit, Telearbeit, Schwarzarbeit bis hin zur Heimarbeit.

Zitat aus einer Studie von Solocom, einem Gründerprogramm im Auftrag der Europäischen Union: "Für viele Menschen scheint die Selbstständigkeit eine Möglichkeit zu bieten, Arbeitslosigkeit zu vermeiden oder zu beenden und sich selbst einen Arbeitsplatz zu schaffen."

Egal, aus welchen Motiven Menschen zu EPUs geworden sind, sie haben oft mehr Probleme und Nöte als ihre Kolleginnen im arbeitsrechtlich sicheren Bereich.

Aufschluss darüber gab unter anderem auch eine Veranstaltung der Gewerkschaft der Privatangestellten beziehungsweise der von ihr ins Leben gerufenen Interessen- gemeinschaft work@flex.

Dampf ablassen

Offenbar im Hinblick auf den dieswöchigen 15. ÖGB-Bundeskongress, bei dem das Thema "atypisch Beschäftigte" eine Rolle spielen soll, konnten EMUs und EFUs Dampfablassen und Wünsche äußern.

Ein Auszug aus dieser Wunschliste: "Bessere Bemessungsgrundlage", "soziale Absicherung durch Arbeitslosenversicherung", "Tauschbörsen zum gegenseitigen Anbieten von Dienstleistungen", "Networking".

Eine EFU wünschte sich eine "feministische Kooperative" (Technik & Kunst) und eine hatte nicht nur die Lacher, sondern auch die Sympathie (fast) aller auf ihrer Seite, als sie sich jemand wünschte, der sie blitzartig von ihrem Computerwurm befreit. (pest, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 18./19.10.2003)

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